Der karierte Koffer

Versunkene Zeiten – Geschichten zu Liedern I

Meine verstorbene Mutter, zu Zeiten ihrer singenden Jugend im nur „die Jula“ genannt, war sofort anwesend, als wir im WELTMUSIK-CHOR HAMBURG das erste Mal „Abends treten Elche aus den Dünen“ sangen. Und dann jedesmal. Sie war voller Musik. Auf ihrer letzten Station, in der Klinik, wollte ich ihr ein Abspielgerät bringen. Sie lehnte ab, sie habe alles im Kopf. Nur bei manchen Sinfonien würden ihr ein paar Töne fehlen. Sie hat mit uns Kindern gesungen, aber beileibe nicht alles, was so in den Heften und Büchern stand. Sagte: „Die Nazis haben uns unsere Lieder gestohlen!“. Das habe ich damals nicht verstanden, sowenig wie ihr Erbleichen, als ich Anfang der 1970er im Kino „Cabaret“ gesehen hatte und dann im Bad „Tomorrow Belongs To Me“ schmetterte. Der Komponist John Kander und der Texter Fred Ebb, beides jüdische Künstler, setzten diesen Song in ihrem gleichnamigen Musical durchaus antifaschistisch ein, aber er klang eben wie ein Nazi-Lied.

Meine Mutter, 1926 geboren, wuchs im damaligen Westpreußen auf in ging im heutigen Elbląg  (damals hieß es Elbing) auf ein ganz hervorragendes Mädchengymnasium gegangen. Dort wurde demokratisch diskutiert und leidenschaftlich musiziert. Unter ihren Lehrerinnen gab es Nazi-Gegnerinnen, die versuchten, ihr intellektuelles und kulturelles Empowerment durch die düstere Zeit zu retten, so gut es eben ging, ohne selbst deportiert zu werden.

Das geschah dem Komponisten des oben genannten Liedes. Ich räume gerne mal mit dem Vorurteil auf, dass alle Heimatvertriebenen Reaktionär*innen seien – es hat mich jahrzehntelang über die geografische Herkunft meiner Eltern schweigen lassen, und ist so menschenverachtend wie andere Vorturteilsschubladen auch. Einen Bericht über Gerd Lascheit, der das Lied komponierte, finde ich bei der Kulturstiftung der Deutschen Vertriebenen für Wissenschaft und Forschung: Renate Wehmeyer schreibt dort, der 1913 in Königsberg geborene Lascheit hätte schon in frühester Jugend eine Leidenschaft für die Musik gehabt, sei begeisterter Klavier- und Gitarrenspieler gewesen, „und oft spielte er auch Orgel in der der elterlichen Wohnung gegenüberliegenden Lutherkirche am Viehmarkt und im Königsberger Dom“. Schon als Schüler habe er sich dem Pfadfinderbund angeschlossen. Der Deutsche Pfadfinderbund (DPP) wurde 1911 in Berlin gegründet, hat eine teilweise militaristische, teilweise antifaschistische Geschichte, die auch zu Zersplitterungen führte, und wurde 1933 durch die in jenem Jahr gegründete Reichsjugendführung, zuständig für die weltanschauliche Ausrichtung der deutschen Jugend und die Sicherung der künftigen Herrschaft der NSDAP, verboten.

Der Deutsche Pfadfinderbund, gegründet 1911, war anfänglich durchaus militaristisch ausgerichtet; aber 22 Jahre später gaben andere Strömungen unter den Pfadfinder*innen der NSDAP Gründe, diesen Bund zu verbieten.

Unter dem Schreib-Motto „Es gab auch andere!“ fahre ich mit der Deutschen Freischar fort. Da wird es noch komplexer, denn Die Deutsche Freischar – Bund der Wandervögel und Pfadfinder (DF) hat eine politisch sehr diverse Geschichte, mit völkisch-nationalistischen und anderen Elementen. Zu der Zeit, in der Lascheit Mitglied war, 1925, hatte sich in diesem Jugendbund der Internationalismus durchgesetzt, mit Gesellschaftsentwürfen, die den nationalstaatlichen Rahmen überschreiten und auf die transnationale Ebene führte. Die DF wurde ebenfalls 1933 von den Nationalsozialisten verboten.

Der Komponist Gerd Lascheit wurde 1913 in Königsberg geboren.

Auch der Bündischen Jugend gehörte Lascheit an. Da wird es noch komplexer, denn Die Deutsche Freischar – Bund der Wandervögel und Pfadfinder (DF) hat eine politisch sehr diverse Geschichte, mit völkisch-nationalistischen und anderen Elementen. Auch die politisch zwischen völkisch-nationalistisch und linksgerichtet aufgestellte DF wurde 1933 von der Reichsjugendführung verboten. Es sollte neben den Hitlerjugend keine andere Jugendorganisation geben. Bei der Lektüre u.a. von Westpreußen-Jahrbüchern (siehe unten), wie brutal diese Gleichschaltung unter den jungen Menschen zuging. 


Für die Pfadfindergruppe textete und komponierte Lascheit unter anderem „Abends treten Elche aus den Dünen“. Wehmeyer schreibt, inzwischen hätten sich etliche weitere Lieder in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt/ Main angefunden. Seit Anfang der 30er Jahre, schreibt Wehmeyer, „führte er ein Doppelleben. Zum einen war er im Nationalsozialistischen Schülerbund, später in der Hitlerjugend, aus der er 1934 austrat. Andererseits betätigte er sich weiterhin aktiv in Königsberg in der inzwischen verbotenen bündischen Jugendbewegung.“ Aufgrund seiner sexuellen Ausrichtung sei Lascheit spätestens seit 1936 mit den seinerzeitigen Gesetzen in Konflikt geraten und zeitweise inhaftiert worden. „Im September 1937 emigrierte er nach Schweden … In Stockholm schloss sich Gerd Lascheit einer im Untergrund tätigen bündischen Gruppe an, und er soll weiterhin seine gegen das NS-Regime gerichteten Kontakte nach Deutschland aufrecht erhalten haben. Auch zu Widerständlern in England und Holland unterhielt er Kontakte. In Schweden nahm er als Künstler den Namen GERT SALTEN an. Salten nach dem kleinen, im Kreis Pillkallen gelegenen Ort; dem Geburtsort einiger Vorfahren mütterlicherseits. Er bestritt in Schweden seinen Lebensunterhalt – mehr schlecht als recht – mit dem Verkauf von Bildern und dem Erteilen von Zeichenunterricht. Die Asylanten bekamen ja keine Arbeitserlaubnis. Nach bisherigen Erkenntnissen hat er von Schweden aus seine politischen Kontakte nur unter dem Namen Salten wahrgenommen. Die schwedische Einwanderungsbehörde sah keinen Grund, seinen Asylantrag anzuerkennen und seine Aufenthaltsgenehmigung, die am 15.10.1939 ablief, zu verlängern. Im Gegenteil, durch eine Diebstahlsanzeige gegenüber einem Matrosen flog seine Homosexualität auf und er musste schließlich das Land am 18. Mai 1940 verlassen.“ Lascheit ging nach Königsberg zurück, übersiedelte im Oktober 1940 nach Berlin, wurde dort am 8. April 1941 verhaftet und anschließend – ohne Prozess – ins KZ Sachsenhausen Sachsenhausen deportiert. Im Frühjahr 1942, vermutlich im März, kam Lascheit mit einem aus 400 Häftlingen bestehenden Transport ins KZ Groß Rosen.

Wehmeyer berichtet: „Groß Rosen in Schlesien, ein Nebenlager des KZ Sachsenhausen, war ein Steinbruch und eines der berüchtigtsten Arbeitslager. Das Arbeitslager diente zur Gewinnung von Straßenbaumaterial aus einem Granitsteinbruch für das Ostbauprogramm u.a. auch für die Stadt Königsberg. In diesem Arbeitslager starb Gerhard Lascheit im Alter von 29 Jahren am 20. Juni 1942. Die Urne mit seiner Asche wurde seinen Eltern übergeben und auf dem Friedhof an der Haberberger Kirche in Königsberg beigesetzt.“

Der Komponist und Widerstandskämpfer Gerd Lascheit starb aufgrund von unmenschlicher Behandlung am 20. Juni 1942 in Groß Rosen, einem Nebenlager des KZ Sachsenhausen.

Den Text zu Lascheits Komposition hat der 1905 geborene Heinrich Eichen geschrieben. Der Schriftsteller wächst in Elbing auf, veröffentlicht bereits als Jugendlicher erste Gedichte, arbeitet später zunächst in der Stadtverwaltung, danach wird er Buchhändler. Zeitlebens steht er der Jugendbewegung nahe. So wird eine besonders im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einflussreiche Strömung bezeichnet, die dem von Industrialisierung geprägten städtischen Leben das Naturerleben entgegensetzt. Diese Bewegung, die auch in Sachen Reformpädagogik, Freikörperkultur und Lebensreformbewegung Impulse setzt, begann mit dem Wandervogel und bewahrte meist ihre Unabhängigkeit und Neutralität gegenüber politischer Einflussnahme und Vereinnahmung. Den entscheidenden Einschnitt bildet die nationalsozialistische Auflösung beziehungsweise Zwangseingliederung der Jugendbünde in die Hitlerjugend. Zwischen 1933 und 1935 erfolgt auch in Elbing die Gleichschaltung der verbliebenen Wandervogelbünde und anderen Gruppierungen der Bündischen Jugend. Sie werden von den Nationalsozialisten verboten, unterdrückt und in die Hitlerjugend überführt.

Es gab auch weibliche Wandervögel!

Hier ein schöner kleiner Rückblick: Meine Tante, die jüngste Schwester meiner Mutter, hat mir einen ganzen Haufen Westpreußen-Jahrbücher vermacht, die durchaus nicht so reaktionär sind, wie ich dachte. Im Westpreußen-Jahrbuch 1981, Band 31, beschreibt Eichen eine „Romantische Wanderung“ zu Pfingsten. Er hat gerade seine Lehre bei der Stadtverwaltung angetreten, es ist seine erste „Fahrt“ – wie solche Ausflüge zu Fuß seinerzeit heißen, und der Lehrling besitzt keinen „Affen“ – wie der Volksmund damals Tornister mit Fellbespannung überm rechteckigen Holzrahmen bezeichnet. Der junge Eichen belädt sich also mit einem ziemlich großen Rucksack, „den Mutter, besorgt um den in ungewöhnliche Abenteuer ziehenden Sohn, mit allem Möglichen und Unmöglichen vollstopfte, so dass ich erbärmlich zu schleppen hatte.“ Am schlimmsten ist es für ihn jedoch, dass er, sich schon fast als erwachsener Mann fühlend, keine kurze Hose mehr besitzt, sondern in langen auf Fahrt gehen muss, was in allen jugendbewegten Kreisen „beinahe einer Todsünde“ gleichkommt. „Beim nächsten Mal war ich dann ganz besonders stolz auf meine blitzneue kurze Rippelsamthose und den dazugehörigen Fahrtenkittel mit Gürtel. Die übrigen Wandergesellen, Elbinger Schüler zwischen zehn und 18 Jahren, haben Zelte dabei sowie Fiedel und Klampfe. „Kaum hatten wir die Stadt verlassen, packten sie ihre Instrumente aus und begannen zu spielen, … sangen bis in den späten Nachmittag hinein, immer wieder von neuem, Frühlingslieder, Sommerlieder, Schelmenlieder, Rüpel- und Landsknechtslieder“. 

Als Homosexueller wurde Eichen in Elbing, wo er Zeitgenosse meiner Eltern war, von den ortsansässigen Aufgehetzten stark angefeindet und drangsaliert und war auch Verhören ausgesetzt. 

Nun zum Lied und den Tieren dieser „versunkenen Zeit“, der Eichens wundervoller Text gilt. Zur nach ihren Erzählungen, zumindest musikalisch und landschaftlich, wahnsinnig schönen Jugendzeit meiner Mutter in den 1930ern. Nicht weit von des Haffes Strand, von dem wir singen, gab es dort damals noch Elche.

Das besungene Haff ist das Frische Haff, das in der Mitte.

So  ein Haff ist ein durch eine Landenge, Nehrung genannt, vom Hauptteil des Meeres abgetrennter Brackwasserbereich. Hier ist das Wasser weniger salzig, daher dient es als Tränke. Daher kamen die großen Pflanzenfresser aus den hohen Dünen der Frischen Nehrung.

Sie durchschreiten die palvė – so schreibt eine das baltische Original, ein Wort aus der Sprache meiner väterlichen Vorfahren, der Prußen. Das baltische Volk bewohnte diese Gegenden lange, bevor die Kreuzritter und ihr Gefolge dort einrückten. Die im Zuge der sogenannten Ostkolonialisierung dort Einfallenden raubten meinen Ahn*innen unter anderem den Namen für ihr gewaltvoll vergrößertes Reich: Preußen. Aber in solchen Landschaftsbezeichnungen schwingt das Prußische fort. palvė , Palve, auch Palwe war die in West- und Ostpreußen übliche Bezeichnung für Heide.

„Kleine Stadt am Haff“, heißt ein Gedicht von Eichen: „Alle Gassen humpeln zum Hafen; krumm, winklig und schief. Die buckligen Häuschen schlafen noch nicht, doch ein Gähnen lief schon müde von ihren sich lautlos schließenden Türen. Das Wasser gluckst gegen Planken, wie es von je getan. Die Lichter des Tages sanken, Kahn ruht an Kahn. Die Masten knarren ganz leise, sie spüren das Nahen der Nacht. Und der Mond beginnt seine Reise. Bald schlummert die Stadt. Alle Lampen gehen aus, mur aus der Kneipe „Zum Dorsch“ fällt ein Schein noch heraus, Gelächter, Gefluch und manchmal wohl auch eine Weise der sehnsuchtsvoll süßen Harmonika … Doch die Nacht ist nun da. Am Hafen brennt einsam eine Laterne, und droben am Himmel halten die Sterne funkelnd die ewig befohlene Wacht.“

So singen wir also über eine versunkene Zeit, und bringen dabei auch den Nachfahren zu Ohr, wie bedeutsam es ist allen menschenverachtenden Anfängen zu wehren.

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