17. Juni – 2. November 2025
schaukle Montag den 27. – 16:04 Uhr – Hafenfähre vom Fischmarkt nach Finkenwerder –

Am Freitag hatte die Altonaer Fischauktionshalle unter Wasser gestanden, am Sonntag überschritt der Pegel erneut die Sturmflutmarke und die Unterelbe schwappte über die obere Kaikante.
Und am Montag steht die naturfarbene E-Wölfin auf noch immer nassem Pflaster vorm flussseitigen Tor meines Hamburger Lieblingsgebäudes, als ein Tourist aus Bayern seinen Landsleuten erklärt, die Elphi habe den Michel als städtisches Wahrzeichen abgelöst. Jede/r hat halt seine/ihre wahren Werte, ich steh auf Michelglocken, Altona und Elbfische. Auf dem von einem anderen Touristen liebevoll angefertigten Foto umrahmen mich – so glaube ich und nehme gerne fischereiliche Hinweise entgegen – springende Lachse. Salmo salar war einst Charakterfisch der Elbe, fast jede/r Hamburger*in kennt den Döntje (plattdeutsch für: erfundene oder wahre Alltags-Anekdote) dazu: es war hier mal offiziell geregelt, dass Bedienstete nicht täglich Lachs essen mussten.

Wegen der Stellung ihrer Flossen (siehe oben) und wegen des Sprunges – große Lachse springen drei bis vier Meter weit – halte ich die auf den Toren der Fischauktionshalle dargestellten Tiere für Lachse, NOAA, Great Lakes Environmental Research Laboratory
Nachdem seit den 1950ern der Atlantische Lachs (Salmo salar) aus der Elbe verschwunden war, haben mittlerweile Wiederansiedlungsprogramme gefruchtet. Besonders wichtig war dabei das Beseitigen von Wanderhindernissen. Salmo salar (jedesmal, wenn ich diesen wissenschaftlichen Vornamen schreibe, erinnere ich mich voll Scham an meine angeblich erfreuliche Falschmeldung: „Es gibt wieder Salmonellen im Rhein“, wobei Salmonellen höchst unerwünschte stäbchenförmige Bakterien sind, die Krankheiten verursachen können; und Salmoniden gemeint waren, die Familie der Lachsfische, zu der auch die Forellen gehören. Nun folgt aber wirklich eine erfreuliche Nachricht, die zeigt, wie viel die richtigen Maßnahmen zur Wiederansiedlung auch von lange Zeit verschwundenen Arten ausrichten können. Der Lachs ist ein anadromer Fisch, so werden Wanderformen genannt, die im Süßwasser ablaichen, aber längere Zeit im Meer verweilen. Der Laichaufstieg wurde in der Elbe unter anderem durch die Staustufe in Geesthacht behindert. Seitdem dort 2010 die größte Fischtreppe Europas und später eine weitere Fischaufstiegshilfe errichtet wurde, passieren bis zu 30.000 Fische pro Tag die Staustufe, neben Lachsen wurden Welse und Störe beobachtet.
Von der Altonaer Fischauktionshalle, meinem liebsten Lieblingsort in meiner westlichen Hood – die östliche liegt ein Stückchen elbaufwärts in Vierlanden – kriege ich nie genug. Das treibt mich sonntags aus dem Bett in Schuhe, mit denen eine auf Pflastersteinen tanzen kann, in ein Röckchen, das das multikulturelle Tanz-Getümmel in der alten Halle optisch anreichert. Packe auch immer Bettchen und Messerchen ein, eine weiß ja nie, was auf dem Fischmarkt so ab- oder anfällt. An jenem Sonntag, an dem ich plötzlich zur Porträtzeichnerin wurde, einfach nur, weil ich so verliebt war ins ausgelassene nahezu außerirdisch scheinende internationale Völkchen des Sonntags dort, fiel für mich ein Stück geräucherter Heilbutt ab. Das drapierte ich vor den erstaunten, vom Samstags-Suff noch verklärten Äuglein der mittelalter Männer – „full of themselves“, wie ein englischsprachiger Bekannter diese Art des Auftritts bezeichnet – gegenüber mit Spalten eines Holsteiner Cox (Apfel, alte Sorte) auf einem mitgebrachten Brötchen. Kam kaum zum Essen, diese beiden Musiker ließen uns keine Ruhe. Statt Band waren sie nur zu zweit gekommen zum Rock around the clock – zugegebenermaßen spielten sie „nur“ ein Viertel von 24 Stunden … aber die Zeit flog, manchmal auch hinaus aus den schönen hohen Fenstern in den sonnigen Himmel überm Fluss. You Get What You Give (New Radicals 1998) holte mich von der Bierbank.

Josan, der wilde Tänzer mit den gravierenden Lachfalten, wollte unbedingt porträtiert werden:

Das nächste Porträt habe ich sogleich verschenkt. An Charlotte. Sie ist ein innerlich und äußerlich wunderschönes kleines Mädchen, wir unterhielten uns intensiv auf Englisch, fully in contact, inspiring each other.

Diese beiden sind unser aller tänzerisches Dreamteam in der sonntäglichen Fischauktionshalle, wenn sie übers Pflaster wirbeln, verfliegt jede Altersangabe.
Dann griff ich zum Füller, als dieses Kleinkind sich dem Klammergriff der Eltern entwand und in seinen weichen Stiefelchen, der geblümten Strampelhose und der fetten karierten Plüschjacke gen Bühne sprang. Die jungen Männer aus Ghana, leidenschaftliche Tänzer, mit denen ich rüber nach Finkenwerder fuhr nach dem Sonntagstanz, erfassten den innewohnenden Freiheitsdrang dieser Skizze auf der Stelle. „The first rock´n´roll“ sagte ihnen zu. Große Freude!

Tanzte mich bei „The Passenger“ (Iggy Pop, 1977) in Trance und bei „Summer of ´69“ (Bryan Adams, 1984) wieder heraus, rockte mich durch jene heißen Monate, in denen ich mit 15 um jeden Zentimeter Kniefreiheit kämpfte:


Quelle-Katalog 1969
Bis Hans Albers Schunkel-Song „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ uns alle aus der Halle trieb. Vorher skizzierte ich noch Günther und Andy, für die Tanzen auch „a reason to live“ ist und bleibt:

Auch von Mudda Elbe kann ich nie genug kriegen, befrage das ihr Flussorakel in jeder Lebenslage. Was hiesige Mütterlichkeit – und nebenbei auch Elbablagerungen – anbelangt, verlasse ich mich jetzt mal auf den Kulturkreis Finkenwerder (https://www.kulturkreis-finkenwerder.com/glossword/index.php/list/Plattdeutsch+-+Hochdeutsch/4,M.xhtml). Der erklärt Nicht-Elbinsulaner*innen: „Mudder, Mudders; Mutter, Mütter / Einzahl auch: Schlamm“.
An jenem ganz oben abgebildeten Oktober-Montag glitzerten auf sehr kleinen grauen Wellen Lichtreflexe wie Strass, unser Fluss wirkte elegant und gelassen. Auf der Fähre waren außer mir nur ein paar Auswärtige unterwegs, erkennbar an Fragen wie: „Wo stehen denn die ganz großen Schiffe?“. Die Riesenpötte „standen“ elbabwärts der Riesenkräne, die gerade das hohe Elbufer mit Spekulations-Objekten verunzieren – mag gar nicht hingucken, sie haben brutal gerodet, dabei sind diese alten Bäume doch viel überlebenswichtiger als unbezahlbarer Wohnraum!

Während wir gegen den Wind der Sonne entgegen schipperten, flogen meine Gedanken flussaufwärts, zum Stromspaltungsgebiet. Lebe zwar mit Ebbe und Flut; die zeigen sich in Hamburg wahrhaft Schaulustigen – solchen, die Lust am Schauen haben – vielerorts auch mitten in der Stadt, in den mit den Gezeiten der Nordsee mitschwingenden Kanälen, die hier Fleete heißen; aber ohne Nachrichtenfluten. So hatte ich mich am Vortag, am Samstag, von der Reeperbahn mit der S-Bahn unterm Fluss hindurch ans sein anderes Ufer aufgemacht, ohne von Starkwetterwarnungen gehört zu haben. In Wilhelmsburg – dieser flächenmäßig größte Stadtteil Hamburgs, gelegen zwischen Norder- und Süderelbe, sieht zwar aus wie eine große Insel, entstand aber aus vielen kleinen, siehe unten – stieg ich für mein Forschungsvorhaben „Tide-Elbe samt aller Auen“ in den Bus Richtung Moorwerder.

Moorwerder gehörte im Gegensatz zum übrigen Wilhelmsburg bereits im Mittelalter den Hamburger*innen. Sie errichteten an dieser strategisch äußerst wichtigen Ecke, wo sich der Fluss in zwei Arme spaltet, einen Stützpunkt, genannt das „Bunte Haus“, um stromabwärts kommende Schiffe an der Einfahrt in die Süderelbe zu hindern, und die Kaufleute darauf zu zwingen, ihre Waren in Moorwerder abzuladen und feilzubieten, sprich, ihr Stapelrecht einzufordern. Später befand sich an der nach jenem Haus benannten Bunthäuser Spitze (auf dem Stadtplan rechts, ganz unten) die Stackmeisterei.
Und schon bleiben wir bei einem wichtigen Nebendarsteller dieses Blogs stecken. Dessen Hauptrolle ist ja, wie euch bestimmt schon zufloss, weiblich besetzt. Ihr Name geht auf das urgermanische Wort *albijō zurück, das ist ein Begriff für eine Gattung, vergleichbar mit Baum oder Tier. In der norddeutschen Tiefebene, die Wissenschaftler*innen für die Wiege der westgermanischen, wenn nicht gar aller germanischen Sprachen halten, war sie auf Grund ihrer dominierenden Stellung einfach DER FLUSS, wurde niederdeutsch Elv, althochdeutsch Elba genannt. Und auf verschiedenste Art gefeiert und genutzt. Auch jenseits unserer Tiefebene.

Ich steh auf solche Stiche, denn Menschen wie Matthäus Merian, der 1650 „Die Élbe flúß“ und die „Schiff mühlen“ (coole Idee, oder?) vorm sächsischen Torgau darstellt, haben es super genau genommen.
Nach Torgau hatte ich gefahndet, weil ich bei der Redaktion meines Textes einen Schreibfehler entdeckt habe. Voll peinlich: hatte Stagmeisterei geschrieben. Na gut, ein bisschen was mit dem Fluss, auf dem ich wahnsinnig gerne in den vier Stunden um Hochwasser herum vor den Naturschutzgebieten Zollenspieker und Borghorster Elblandschaft kreuzen möchte, mit einer alten aber sehr eleganten Elbjolle, hat das Wort Stag auch zu tun, es bezeichnet nämlich die Teile des Tauwerks von Segelbooten wie „unserer“ Jolle (noch haben wir sie nicht flott gemacht, das steht diesen Winter an, vielleicht in der unten genannten Offenen Bootswerkstatt der Honigfabrik in Wilhelmsburg, falls also eine*r von euch sich unbedingt sofort handwerklich betätigen muss, gebt gerne Bescheid:)), „Mudda Elbe“ soll sie heißen, die als Abspannung zur Versteifung der Masten dienen. Nun kommen wir aber wirklich vom Kurs ab!

Auf diesem Foto circa aus den 1950ern ist sie zu sehen: Die irre berühmte Elbe-H-Jolle. Sie soll noch heute allen anderen Elbjollen davonsegeln.
Aber bevor wir überhaupt in den Fluss stechen, muss ich uns jetzt erstmal erklären was ´ne Jolle ist. Also für mich war und ist so ein formstabiles Schwertboot, dessen Konstruktionsschwerpunkt wie unten zu erkennen, unter der Wasseroberfläche liegt, ein Mutmacher. Sie richtet sich (fast) immer wieder auf. Allein durch ihre schöne Form erlangt sie nach der Bö prompt wieder aufrechte Haltung.

Im Unterschied zu einer Segelyacht mit einem Kiel ist so eine Jolle mit einem ausklappbarem Schwert, das sich bei niedrigem Wasserstand (Ebbe) einholen lässt, überwiegend formstabil. A auf der Grafik ist der sogenannte Formschwerpunkt, der Schwerpunkt der vom Boot verdrängten Wassermasse, der die Jolle nach der seitlichen Krängung nach oben drückt, seine Lage ist für die Formstabilität verantwortlich, A sorgt vereinfacht für den Auftrieb. B ist der Schwerpunkt des Bootes, der Gewichtsschwerpunkt.
Konstruiert wurde die Elbe-H-Jolle, wie ich erst jetzt weiß, nachdem ich ahnungslos ein Geschenk angenommen habe, nur seiner Schönheit wegen, damit es „nicht wegkommt“, um 1930 von Willy von Hacht. Er wurde 1870 geboren und begann mit 14 Jahren eine Lehre als Bootsbauer. Später übernahm von Hacht eine 1863 gegründete Hamburger Yacht- und Bootswerft, die nun W. v. Hacht hieß. Seine Jollen und Yachten waren bei Wettfahrten ungeheuer erfolgreich. Von der Elbe-H-Jolle heißt es, dass sie auch heute noch allen anderen Booten auf dem Fluss davonsegelt. Das ist gar nicht mein Ziel, bin ja nur übers Stag gestolpert, aber da wir nachher noch schreibend und lesend in die Bootswerkstatt gelangen, wo sie überholt werden soll, passt es ja. Und zu Mudda Elbe passt so ein formschönes Holzboot auch allemal.
Wir aber waren eigentlich bei der Stackmeisterei an der Bunthäuser Spitze, wo ich am 26.10.25 (jenem Sonntag mit Flut-Alarm) aus dem Bus stieg, den Starkwind zunächst von hinten und kein Stack im Blick hatte. Die Bezeichnung kommt vom plattdeutschen Wort für stecken, einfrieden oder umzäunen. Früher wurden die Ufer unter anderem mit Hölzern und Weiden abgesteckt. Heute steht Stack, auch Buhne genannt, für einen vom Ufer zur Flussmitte hin mit Steinen befestigten Damm, der häufig zur Vertiefung der Fahrrinne dient.

Nun löst sich auch das Rätsel um den weiter oben geposteten Stich von Torgau, denn dieses gegen die Strömung geneigte Buhnenpaar an der nach links fließenden Elbe befindet sich bei Torgau. Und ich war bei der Recherche ins Driften geraten, über alle ehemaligen und heutigen Grenzen hinweg, die wie viele Erzählungen zeigen, übrigens für Flussanrainer*innen gar nicht so eine große Rolle spielen, Flüsse waren über die Jahrtausende ja immer vor allem verbindend. Das Foto oben, es stammt von ProfessorX, zeigt, wie die Fließgeschwindigkeit steigt, da beide Buhnen (Stack) auf gleicher Höhe liegen. Wie sie das natürliche Flussbett verändern, ist unten zu sehen.

Diese Grafik zeigt, wie die beiden Stacks der Fahrrinnenvertiefung dienen: sie vermindern künstlich die Querschnittsfläche des Flussbettes. Da die Wassermenge gleich bleibt, erhöht sich die Fließgeschwindigkeit in der Flussmitte. Durch die stärkere Strömung werden dann vom Grund, wo sich zuvor bei geringerer Strömung vom Wasser transportierte Lockermaterialien (Schwebstoffe) ablagern konnten, diese Ablagerungen (Sedimente) aufgewirbelt (Erosion). Sie trüben nun zunächst als wieder frei treibende Schwebstoffe das Wasser (eine Information, die wir später noch gut gebrauchen können) und sinken dann in Ufernähe ab. Lämpel
Die 1847 an der Bunthäuser Spitze errichtete Stackmeisterei hatte bis 2013 hauptsächlich die Aufgabe, die Funktion der Elbe als Verkehrsweg sicherzustellen und weiterzuentwickeln und war für die Uferbefestigungen bis zu den Hamburger Elbbrücken zuständig. Betrieben wurde sie von einer geschichtsträchtigen Organisation. Dazu müssen wir bis ins 16. Jahrhundert tauchen. Schon damals spielte die Tiefe (niederdeutsch Düpe), in unserer Stadt eine maßgebliche wirtschaftliche Rolle, genauer: die Tiefe der Elbe und anderer befahrbarer Gewässer. Daher wurde hier 1555 ein Amt eingerichtet, das ausschließlich die Aufgabe hatte, ausreichende Wassertiefen zu erhalten, im Hafen, in den innerstädtischen Kanäle und den Hamburger Fleeten, jenen zum einen aus den Mündungsarmen von Alster und Bille in die Elbe hervorgegangenen, zum anderen als Überlaufgräben der aufgestauten Alster angelegten Wasserwege, die dem Warenverkehr dienten – eine Nutzung, die sich eine aufmerksame Beobachterin der städtischen Staus wieder herbeisehnen könnte; die Düpekommission. 1814 gingen deren Aufgaben auf die neu geschaffene Schiffahrts- und Hafendeputation über, später aufs Amt Strom- und Hafenbau. Das wiederum initiierte in den 1980ern ein Baggergut-Untersuchungsprogramm, zu dem ich mit meiner Diplomarbeit über Schwebstoffbildung und Sedimentation im Hamburger Hafen beitrug, ohne von all dieser Geschichte, all diesen Geschichten zu wissen. Hatte auch genug zu tun mit meinen 20 Messstellen im Stromspaltungsgebiet (und elbaufwärts bei Oortkaten, was ich mit Messschiffen namens „Inge Wark“ und „Reinhard Woltmann“, deren schweigsame Mannschaften mir enorm ans Herz wuchsen, von der Stackmeisterei an der Bunthäuser Spitze aus ansteuerte) und all den chemischen, physikalischen und biologischen Messungen.

Haupteingang des denkmalgeschützten Gebäudes, Dalmannstraße 1, GeorgHH
Diesen denkmalgeschützen Haupteingang von „Strom- und Hafenbau“ durchschritt ich zu Beginn der 1980er in Sachen Besprechungen und Bewerbungen – von Mitarbeiter*innen für unsere studentischen Laboratorien, die in einem ganz ähnlichen Gebäude untergebracht waren, am Zeiseweg, in einer Ex-Kaserne (heute FUX eG). Das Amt Strom- und Hafenbau war damals Initiator des Baggergut-Untersuchungsprogrammes, in dessen Rahmen ich meine biologische Diplomarbeit schrieb. Es hatte bis 2005 seinen Sitz in der damaligen Dalmannstraße 1, in einem 1885/1886 eigens für dieses für die Stadt so bedeutsame Amt, es hatte den Beinamen „Hamburgs heimliche Regierung“, errichteten Gebäude auf dem Grasbrook.

Der Grasbrook (Gras Bruch) um 1660: Der Durchstich durch den Grasbrook ist hier noch als Neuer Graben (De Ny Grave) bezeichnet, heute stellt er den Verlauf der Norderelbe dar.
Der Grasbrook, ehemals eine Insel im Stromspaltungsgebiet, eine sumpfige – das niederdeutsche Wort Brook ist mit dem hochdeutschen Wort Bruch verwandt und bezeichnet tiefergelegenes Gelände, das bei Sturm von Wasser überspült wird und nur bei Niedrigwasser oder in den Sommermonaten befahren und bewirtschaftet werden kann – war für die damalige Hafenerweiterung ideal gelegen.

C. und P. Suhr steht drunter. Die Gebrüder Christoffer, Cornelius und Peter Suhr waren Hamburger Lithographen, Maler und Zeichner und schufen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hunderte Hamburgensien. Die obige entstand 1840 und zeigt den Blick vom Kleinen Grasbrook über die Norderelbe auf den Großen Grasbrook um 1700. Zwischen Stadt und Grasbrook das Brooktor mit der dazugehörigen Brücke.

Binnenhafen – Blick von der Brooktorbrücke 1885, Johann Theobald Riefesell
Und weil ich plötzlich realisiere, wie eng der Umgang mit Hamburgs Hauptfluss und Aktivitäten, die Immobilien sowie Strom- und Hafenbau betreffen, zusammenhängen; Aktivitäten, die oft von etwas angetrieben wurden und werden, das ich (un)heimlich „Pfeffersack-Mentalität“ nenne – auch wenn ich selbst als teilweise Geschichtskenntnislose weiß, dass die „alten Hanseaten“ der Stadt mit und in der sie ihre guten Geschäfte machten, auch wirklich Wohltaten zufließen ließen – oder: gewitzte Gewinnmaximierung. So sieht es aus, wenn eine sich den heutigen Grasbrook vor Augen führt, den ich schon allein, um mich dem alles beherrschenden Limousinenverkehr im von mir Autofahrer-Quartier genannten Hafenbereich zu entziehen, großräumig umradle, wird das herrschende Immobilienmanagement deutlich: nachdem 2005 mit der Gründung der Hamburg Port Authority (HPA) die technischen Aufgaben des Amtes Strom und Hafenbau, die Verwaltungsaufgaben des Amtes Häfen, Dienstleistungen und Wirtschaftsinfrastruktur, sowie Liegenschaftsverwaltung der Hafengrundstücke bei dieser Anstalt öffentlichen Rechts gebündelt waren, wurde diese wahrhaftig eine städtische „Autorität“. Die wirtschaftlich selbständige Anstalt kann und soll gewinnbringend wirken und zugleich hoheitliche Aufgaben wahrnehmen. Sie ist die zuständige staatliche Behörde für den gesamten Hafenbereich, nicht nur auf dem Grasbrook, wo für den Bau lukrativer Hafen-Immobilien in den Jahren 2006 bis 2008 alle Gebäude an der ehemaligen Dalmannstraße abgerissen wurden – bis auf das oben abgebildete denkmalgeschützte Gebäude in Nummer 1. Dort entstand – nein keine Jugendherberge, wie sie eine wirklich dem Wohle der Stadt verpflichtete Politikerin auf dem Stintfang durchsetzte in einer Lage, die meines Erachtens jede Elphi toppt – ein Hotel.

Nochmal die fleißigen Gebrüder Suhr: Aussicht vom Stintfang auf die Vorstadt St. Pauli, um 1840. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es Pläne, dort ein Luxushotel zu errichten. Die damalige Jugendsenatorin Paula Karpinski setzte sich hingegen für den Bau einer Jugendherberge ein.
Die wurde Jugendherberge auf dem Stintfang wurde 1953 eröffnet. Als dann knapp 50 Jahre später erneut Hotelbaupläne ins Spiel kamen, war Karpinski über 90 Jahre alt und forderte den damaligen Bürgermeister, Henning Voscherau dringlich und mit Erfolg auf, die Jugendherberge oberhalb der Landungsbrücken (wo Mitglieder des Deutschen Jugendherbergswerkes übrigens zu menschlichen Preisen und bei sensationellem Hafenblick Abendbrot essen dürfen) zu erhalten. Sie wurde modernisiert. Und der Platz davor wurde in Paula-Karpinksi-Platz benannt.

Paula Elise Karpinski geb. Thees wurde 1897 in Hamburg-Hammerbrook geboren und starb 2005 in Hamburg-Eppendorf. Die SPD-Politikerin war Senatorin der Jugendbehörde in Hamburg und die erste Politikerin im Ministerrang einer deutschen Landesregierung, und setzte sich erfolgreich für den Bau einer Jugendherberge statt eines Luxushotels auf dem Stintfang ein.
Das Foto machte Reinhard Lühr beim Geburtstagsfest von Minna Lühr; hochgeladen wurde es von MoSchle, nutzungsberechtigt ist Gerti Lühr
Nun müssen wir aber wieder Kurs auf die Stackmeisterei an der Bunthäuser Spitze nehmen. Als ich von dort mit dem Messschiff rüber nach Oortkaten tuckerte, zur Wasserprobenahme, wurde sie noch vom Amt Strom- und Hafenbau betrieben. 2005 übernahm die HPA (siehe oben), und stellte 2013 den Betrieb dort ein. Und vermietete die ehemalige Stackmeisterei ans Elbe-Tideauenzentrum. Das war Ziel meiner sturmgepeitschten und regennassen Sonntagsexkursion.

Nach gut zehn Jahren „Abstinenz“ – war mehr am anderen Ufer zugange – versenke ich mich nun in die Naturschätze der Auenlandschaft Obere Tideelbe, diesen mit Sediment- und Nährstoff-reichen Fluten gesegneten, wechselfeuchten Standorten von Wilhelmsburg. Um es uns allen noch mal vor Augen zu führen: hier herrscht die Nordsee zwar mit Ebbe und Flut, aber nicht mit Meerwasser:

Auf diesem Wandbild im Tideauenzentrum ist der Einfluss des Salzwassers blau markiert, und endet ein gutes Stück vor Hamburg.
Als die Umweltbehörde Hamburger*innen verschiedenster Sparten zu einer Art Zukunfts-Workshop einlud, zu AGRAR + 2045 bekamen wir die Aufgabe, uns in kleinen Kreisen über die Lage und die Aussichten der gärtnerischen und landwirtschaftlichen Betriebe der Stadt auszutauschen. Bei dieser Gelegenheit diskutierte ich mit einem Obstbauern aus dem Alten Land über die von Menschen gemachten Veränderungen in und an der Tide-Elbe. „Was ist bloß passiert in den vergangenen 30 Jahren?“ fragte mich der junge Bio-Apfel-Erzeuger. Um das zu erzählen, reichte die Zeit nicht. Aber er konnte mich über eine der vielen unangenehmen Konsequenzen der wasserbaulichen Maßnahmen unterrichten. „Dank“ erster bis achter Elbvertiefung gelange nun Brackwasser bis ins Alte Land Bewässerung müssten die Obstbaubetriebe mit einem erhöhten Salzgehalt rechnen. Damit ist das größte zusammenhängende Obstbaugebiet Nordeuropas möglicherweise gefährdet. Genaueres weiß ich noch nicht, aber ich kann es mir ausmalen. Folgenabschätzung war in den vergangenen 30 Jahren nicht unbedingt angesagt. Wer warnte, wurde wüst beschimpft. Erinnere mich an ein Schild am Wegesrand im Alten Land. Vor dem Betonnierung von Teilen der größten Süßwasserwattenfläche Europas erinnerten Anwohner daran, zu welchen Zwecken ihre Vorfahren einst die wertvollen Flächen an der Elbe gewonnen haben. Flugzeugbau und Containerstapel waren eher nicht vorgesehen. Zudem sind wir mit dem hemmungslosen Herumtransportieren recht weit weg von einer Wirtschaftsweise, die uns Auswege aus Artensterben und der Erderwärmung öffnet.

Apropos Erderwärmung: Wo es nass ist wird es nasser, wo es trocken ist, wird es trockner. Die Klimaforscher diverser Disziplinen, von allen Seiten angegriffen, als hätten sie den Treibhauseffekt persönlich erfunden oder erzeugt, scheuten sich enorm vor jeder Vereinfachung, als ich sie Anfang der 1990er um eine kurze Summary des wissenschaftlichen Kenntnisstandes in Sachen zu erwartendem unerwünschten Wandel und Katastrophen-Vorhersagen bat. Aber sie rangen sich zu obiger Kurzfassung durch. Und behielten recht.
Wir gehen erstmal der Dürre auf den Grund. In seinem bewegenden Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“ schreibt Robert Macfarlane über den Sommer 2022: „Entlang der Elbe tauchen die Hungersteine auf: große Brocken im Fluss, die sichtbar werden, wenn die Wasserstände zum Verzweifeln sinken.“ Sie tragen Inschriften. „WENN DU MICH SIEHST DANN WEINE“ steht auf einem Hungerstein, der an der tschechisch-deutschen Grenze auftauchte, in Děčín. Meine junge Weggefährtin Bettina erzählte, als wir uns zu Samhain/Halloween über unsere aktuellen Anlässe zum Trauern austauschten, es gebe nun „Mourning-Circle“, Kreise, in denen Menschen ihr Entsetzen und ihre Traurigkeit teilen. Die jüngere Generation hat wohl zum Teil die uns Deutschen einst nachgesagte Unfähigkeit zu trauern abgeworfen. Damit sie nicht verzweifelt.

Die tschechische Stadt Děčín um 1855, sie liegt am Fuße des Erzgebirges in einem Talkessel. Spätestens im 10. Jahrhundert, wahrscheinlich schon in der Bronzezeit, verlief hier über eine Elbfurt ein wichtiger Handelsweg. Aus dem Böhmischen Mittelgebirge kommende Flüsse und Bäche münden hier in die Elbe, es gab Hochwasser und Dürrezeiten, und schon unsere Vorfahren wussten, wann es gefährlich wird, siehe oben.
Wo es nass ist, wird es nasser – während vom Oberlauf zu wenig Wasser die Elbe runter floss, auch in diesem Sommer, kommt vom Unterlauf der Elbe zu schnell zu viel Wasser. Und zwar nicht unbedingt durch die Erderwärmung bedingt. Nach meinem überaus aufschlussreichen Besuch im Elbe-Tideauenzentrum am 26. Oktober trat ich gegen fünf Uhr hinaus auf den Moorwerder Hauptdeich und machte erstmal ein Foto:

Das Wasser stünde sonst hinter der Weide, sagte der Anwohner in Moorwerder, diesem eingedeichten und dünnbesiedelten Landstrich an der Südostspitze von Wilhelmsburg. Zwei Stunden vor Hochwasser war er mit seinem Sohn zum Nachgucken gekommen. „Eineinhalb Meter kommen noch“. Für die Menschen in Wilhelmsburg ist das eher kein Abenteuer (einschlägige Suchmaschinen locken am 26.10.25 mehr als 60 Jahre nach der Flutkatastrophe, bei der damals Wilhelmsburg 222 Menschen ums Leben kamen mit Posts wie „Beste Sturmflut“).
Tatsächlich war für diesen Sonntag Sturmflut angesagt. Das passiert, wenn laut Vorhersage das mittlere Hochwasser um mindestens 1,50 m überschritten wird. Ich war damals acht Jahre alt und schlief in Hamburg-Eilbek, in Alsternähe, im zweiten Stock im oberen Stockwerk – und machte mir schwere Sorgen, hatte von Hydro- und Topographie der Elbe keine Ahnung. Aber als nicht zu bremsende Schlittschuhläuferin wusste ich viel vom Wesen der Alster und ihrer Nebenflüsse! Schließlich wuchs ich – glücklicherweise stundenlang jenseits erwachsener Kontrolle – im Auenviertel auf. Hab mir ja gerade Robert Macfarlanes wundervollen Wälzer „Sind Flüsse Lebewesen“ gegönnt. Geboren ist er in Nottinghamshire, wo es solche Gewässer gibt:

„In der englischen Wasserwirtschaft werden Flüsse, Bäche und Seen als „waterbodies“ bezeichnet, für uns Briten haben Gewässer also einen Körper.“ So schreibt Macfarlane. Und über dieses Bild von einem Bach in jener Gegend mittig in England, wo der Autor geboren wurde, schreibt der Fotograf Alan Murray-Rust: „Fairham Brook. From the Silverdale Walk footbridge. A clear and placid stream in this view, it can be more turbulent at times, as in this view taken from the same bridge looking in the other direction“.
Dieser Naturschriftsteller kann meines Erachtens gar nicht genug Preise erhalten, und ich hoffe sehr, dass möglichst viele lesen und begreifen, was Macfarlane schreibt, zum Beispiel über unwirtliche Städte, auf Wasser gebaut, deren überbaute Bäche und Flüsse in Kanäle und Tunnel gezwängt wurden. „Die weggesperrten Wasserläufe heißen mancherorts auch „Geisterflüsse“. Ihre Stimmen vernehmen wir allenfalls noch als leises Flüstern, das durch Gullydeckel oder Abflussgitter zu uns aufsteigt. „In der englischen Wasserwirtschaft werden Flüsse, Bäche und Seen als „waterbodies“ bezeichnet, für uns Briten haben Gewässer also einen Körper.“ Ich nahm den Körper des Eilbekkanals unter meinen Kufen durch Ledersohle und Wollsocken wahr, lauschte auf sein Knistern und vertraute in jenen kalten Wintern der frühen 1960er seiner Eisdecke. Die oder der Bek ist ein norddeutsches Wort für schmale Fließgewässer, die vom südlichen Schleswig-Holstein über Hamburg nach Mecklenburg-Vorpommern bis ins nördliche Niedersachsen übliche Bezeichnung für Bäche und kleinere Flüsse wie die Eilbek. Die war nämlich nicht immer Kanal. Ich fühle zwar die knallharte und eisig kalte Uferkante fast wie damals, als ich mich aufs Eis schob, aber schon damals hatte ich das Gefühl, auf diesem Heimatgewässer, oft ganz allein, der Alster zuzuströmen. Gefürchtet hab ich mich nie.
Die oder der Eilbek ist der mittlerweile stark kanalisierte Unterlauf der Wandse und die wiederum ist ein Nebenfluss der Alster, welcher beim Schwanenwik in die ehemals als Mühlenteich aufgestaute Außenalster mündet, diesen Riesen-Stadtsee, der noch heute mein Herz jubilieren lässt, wenn ich mich zum Beispiel wie schon in meiner Teeniezeit bei Bobby Reich niederlasse.
An Wandse und Eilbek spielten früher Mühlen eine wichtige Rolle, das wusste ich früh, war doch einer meiner Schlittschuh-Sehnsuchtsorte (FUCK-U-MANMADE-CLIMATE, pardon – oder kein Pardon? Mir entfährt manchmal so eine Art Teenie-Wutanfall, wenn mir deutlich wird, wie lange die Außenalster schon nicht mehr richtig zugefroren ist) der Kuhmühlenteich. Was ich damals nicht wusste: In den Kuhmühlenteich mündete bis 1854 die Schürbek. Sie versiegte bei Aufschüttung des vornehmen Stadtteils (die Behausungen des Hanseatischen Bürgeradels erkennt eine in Hamburg an der Farbe der Vorderfront, und wenn ihr wissen wollt, wer dahinter regiert(e), lest „Risse in weißen Fassaden“ von John F. Jungclaussen; aufgeklärte Alsterdampferkapitäne weisen Tourist*innen aufs Elend an den Ufern hin:)) Uhlenhorst. An dieses Flüsschen erinnert nur noch ein Straßenname.

Auf dieser Karte von Gustav Adolf von Varendorf seht ihr das Schlittschuh-Reich meiner Kindheit, vom heutigen Hamburger Stadtteil Eilbek (auf der Karte zwischen Wandsbeck und Alster als nur wenige Höfe zählendes Eilbeck eingezeichnet; die erste urkundliche Erwähnung erfolgte 1247 als Ylenbeke, was so viel wie Egelbach heißt, denn bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier große Mengen Blutegel zur medizinischen Verwendung gefangen) schlitterte ich über den Kuhmühlenteich zur Außenalster, gefühlt jeden Winter.
Mein heißgeliebtes Kindheitsquartier am Kanal, das ich bis zum Alter von zehn Jahren als ausgeprägte und immer nur kurz wegen Jux und Tollerei ins finstere winzige Badezimmer eingesperrte Rumtreiberin bis zum 10. Lebensjahr durchstreifte, zum Teil mit einer kleinen aber feinen Straßengang, wird „Auenviertel“ genannt, weil es auf den trockengelegten ehemaligen Auwiesen des Egelbaches, der Ylenbeke, des heutigen Eilbekkanals liegt. Die meist sehr wüchsigen und artenreichen Auenwiesen werden entsprechend ihrem Aufbau und den Standorteigenschaften als Brenndolden-Auwiesen oder magere Flachland-Mähwiesen angesprochen. Sie entwickelten sich oftmals aus längst meliorierten Moorstandorten. Beide Grünlandtypen benötigen zur Erhaltung ihrer Vielfalt minimale Feuchte- und Nährstoffverhältnisse, sind diese Faktoren nicht mehr optimal, entwickeln sich daraus Wirtschaftsweiden mit wenigen, dominant auftretenden Arten oder auch Ruderalflächen. Auwiesen benötigen zur Entfaltung des vorhandenen Reichtums an Gräsern, Kräutern und Stauden eine gewisse Feuchtigkeit. Zwischen Auenwald und Auenwiese vermitteln Gehölzsäume.“ So steht auf der schönen Site vom Biosphärenreservat Mittelelbe (https://www.mittelelbe.com).

Hab mich schon immer gefragt, ungefähr seit ich lesen konnte, also seit mehr als 50 Jahren, nach welchen Blumen wohl unsere Straße benannt wurde. Nun haben wir es: auf den feuchten Wiesen im Tal der Eilbek könnten Brenndolden geblüht haben. Sie gehören zur Pflanzengattung Cnidium in der Familie der Doldenblütler. Das Foto von Kurt Stüber zeigt die Silaublättrige Brenndolde (Cnidium silaifolium).
Auch Straßennamen lassen frühere Flusswiesen aufblitzen. Wir wohnten in der Blumenau 117. In einem Neubau ohne Stuck und weiße Fassade. Der Stadtteil Eilbek ist wie große Teile der Stadt bei den Luftangriffen 1943 fast vollständig zerstört worden. Auf dem späteren Sportplatz meiner Grundschule standen noch nach meiner Einschulung reihenweise Behelfsheime, Nissenhütten genannt. Wenn ich von meinen Besuchen bei den dortigen Nachbarinnen nach Hause kam, rügte meine standesbewusste Mutter: „Du riechst nach armen Leuten“. Aber auf gute Nachbarschaft ließ ich noch nie was kommen.

Klassendifferenzen und zugehörige Diskriminierungen begannen ziemlich bald nach Kriegsende, die jungen und älteren Nachbar*innen, die ich Ende der 1950er, Anfang der 1960er weitgehend zerstörten Hamburg-Eilbek kennenlernte, wohnten zum Teil in klammen Kellern, zum Teil in Behelfsheimen aus Blech, sogenannten Nissenhütten. So eine hat das Freilichtmuseum am Kiekeberg (https://www.kiekeberg-museum.de/de) für die Ausstellung „Königsberger Straße“ – zu der mich wunderbarerweise meine Tochter schleifte:) – aufgebaut.
Verweilen wir noch ein wenig an der Alster, Geschichte, Landschaft und Wasser des Flusses. Für sein Buch hat der Hamburger Fotograf Johannes Groht den Fluss von der Quelle bis zur Mündung erwandert! Fantastische Landschaftsfotos und Mikroskopaufnahmen enthüllen das Wesen des Flusses.

Auch diese Eisenplatte an der Alsterquelle enthüllt etwas vom Wesen des Flusses. Gestaltet hat sie Volker Meier gestaltet, ein verstorbener Freund. textundblog
Mit dem Bildband „DIE ALSTER – Das Wesen des Flusses“ zeigt Klaas Jarchows KJM Buchverlag Aufnahmen des Hamburger Fotograf Johannes Groht. Sie zeigen die Landschaft und das Innenleben der zugehörigen Wassertropfen, wie es unterm Mikroskop erscheint. In einer kleinen Buchbesprechung fand ich Folgendes:

„In den Texten geben die Fotografen Johannes Groht und Ulrich Kurt Dierssen Auskunft über ihre Arbeit und Motivation. Helmut Schreier, Alexander Lauterwasser und Vera Stadie berichten von Kultur und Landschaft, der Biologie des Flusses und – dem Geheimnis der Wassers. DIE ALSTER von Johannes Groht ist das besondere Buch zu einem besonderen Fluss.“ Darauf bin ich bannich stolz! Zusammen sind wir dem Wesen dieses Elbe-Nebenflusses auf den Grund gegangen.
Der 2014 in Hamburg gegründete KJM Buchverlag war schon einigen Strömungen ein gutes Stück voraus. Verleger Klaas Jarchow war Initiator und Leiter des allerersten NATURE WRITING FESTIVALS, das vom 17. – 21. Juni in Hamburg stattfand. Sogar die von vielen bejubelte, unten erwähnte amerikanische Autorin Robin Wall Kimmerer sandte ein Grußwort und der von mir weiter oben gefeierte Macfarlane wäre fast gekommen.

Am 18. Juni trug mich die naturfarbene E-Wölfin zu einem anderen Herzensort (á la Auktionshalle, siehe oben; hatte mein Outfit nicht etwa dem roten Kleid angepasst:) – mit dieser Cordjacke renne ich schon seit vier bis fünf Jahrzehnten als „radelnde Reporterin“ durch die Stadt:)), zur Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg, wo an jenem Morgen laut Programm Ökologie auf Ökonomie traf. Das sah so aus:

Beim NATURE WRITING FESTIVAL HAMBURG 2025, dem ersten seiner Art, sprachen am 18. Juni 2025 Graciana Petersen und Lothar Frenz miteinander darüber, ob die Ökonomie oder die Ökologie überleben werde, wenn wir weitermachen wie bisher.
Graciana Petersen ist Mathematikerin, 2013 promovierte sie in Hamburg in Atmosphärenwissenschaften, und ist zur Zeit als Vorstandsfrau für Strategie und Transformation eines großen Automobilzulieferers zuständig. Ihr Gesprächspartner in Sachen #ÖTRIFFTÖ – Ökologie trifft Ökonomie – „Wer wird überleben?“ ist an jenem Junimorgen der Biologe, Autor und Journalist Lothar Frenz. Er hat, nach eigenen Worten, schon früh viel kennenlernen können außerhalb der geschlossenen Gebäude. In seinem letzten Buch „Wer wird überleben?“ thematisiert er unsere drängende Existenzfrage angesichts des dramatischen Niederganges der Biodiversität. Und fordert uns auf, gute Parasiten zu sein. Was andere anekelt, leuchtet mir als Biologin ein. Und ist für uns Menschheit scheinbar irre schwer, denn Parasiten sind intensiv am Überleben ihrer Wirte interessiert, wohingegen die meisten Menschen scheinbar ahnungs- und hemmungslos für ein bisschen oder mehr Komfort, Kommerz, Konsum (diese neuen 3 K mache ich als Geißeln nicht nur der Frauen aus) kommende Unwirtlichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes in Kauf nehmen. Stattdessen müsse der Mensch die Natur nutzen, ohne sie zu zerstören, fordert Frenz, sich also wie ein guter Parasit verhalten.
Ich habe sehr fleißig mitgeschrieben, aber keine Antwort der Transformationsforscherin Petersen vernommen. Sie hat gerade ein Sabbatjahr eingelegt, vielleicht lässt sie uns am Ende an dessen ökonomischen und ökologischen, weltverwandelnden Ergebnissen teilhaben?
Begonnen hat dieses großartige Festival am 17. Juni, ebenfalls in der Zentralbibliothek. Ich erwarb ÄLV von Jannete Hentati, ein Buch aus einer Reihe „Europäischer Essays über Natur und Landschaft“ – 17 Bände die Naturphänomene darstellen, quasi eine neue Karte Europas. Die Autorin ist am Luleälven (auch Luke älv oder Luleälv) aufgewachsen und bringt diesen Fluss (schwedisch: älv) so nah, dass eine sich klitschnass fühlt. So toll kann ich das nicht, und ihr Buch ist bisher nicht übersetzt, aber wenn ihr mehr über diesen noch immer teilweise wilden nordschwedischen Fluss wissen wollt, guckt mal bei karierterkoffer.de: „Der karierte Koffer fährt wieder nach Norden – Teil 2“. Dort ist auch das unten stehende Gemälde verklartüdelt.

Bei der Eröffnung des Festivals, die wirklich so unterhaltsam war, wie im Programm angekündigt, erfuhren wir: „Insgesamt sind wir ja hier, um naturtüchtig zu werden.“ Auch Hella Kemper war da, seit 16 Jahren lebt die Germanistin und Journalistin in Hamburg und schwimmt möglichst jeden Tag in der Elbe, bin ja nicht die einzige bekennende Elbschwimmerin. Sie sagt, die Elbe sei „ein erzählender Fluss“ und ich empfehle ihr Buch:

Beim Hamburger Nature Writing Festival ging es auch um die Natur als Rechtspersönlichkeit. Laura Burgers (unten links) ist Juristin und „Rechte der Natur“-Expertin der UN; Hans Leo Bader (Mitte) setzt sich als Kommunalpolitiker seit Jahren für die Verankerung der Rechte der Natur in unseren Landesverfassungen ein; Tilo Wesche (rechts) ist Philosoph und schreibt über den Zusammenhang von Eigentum und Rechten der Natur.
Sie sprachen im Juni darüber, wo wir stehen mit der Gewährung einer eigenen Rechtspersönlichkeit für die Natur. Und ich lauschte gebannt. Davon hatte ich ja noch nicht einmal zu träumen gewagt als „alte Öko“! Inzwischen bin ich ein paar Runden weiter, siehe unten.

Laura Burgers (unten links) ist Juristin und „Rechte der Natur“-Expertin der UN; Hans Leo Bader (Mitte) setzt sich als Kommunalpolitiker seit Jahren für die Verankerung der Rechte der Natur in unseren Landesverfassungen ein; Tilo Wesche (rechts) ist Philosoph und schreibt über den Zusammenhang von Eigentum und Rechten der Natur.
Heute Abend gehts weiter mit Antworten auf die Frage, ob Ökosysteme besser geschützt werden, wenn frau und man sie als rechtliche Person anerkennen, bei einer Diskussion im Rahmen der HAMBURGER HORIZONTE, die „Das „Wesen“ der Elbe“ heißt und kulturelle, ökologische, aber auch ökonomische und juristische Perspektiven auf den Fluss unserer Stadt einnimmt. So etwas sehne ich schon seit Jahrzehnten herbei, deswegen war ich den Mitarbeiterinnen des HIAS – Hamburg Institute for Advanced Studies (https://hias-hamburg.de), des Veranstalter dieses Panels einen ganzen Tag lang per Mail und Telefon auf den Fersen, als die elektronische Buchung klemmte. Habe nun ein Ticket und bin total dankbar. Es lebe das HIAS, es lebe die Elbe!
Nun müssen wir unseren Weg zurück nach Wilhelmsburg finden, dabei helfen vielleicht alte Bilder?

Überflutung von Wilhelmsburg 1962, Gerhard Pietsch

Es gibt aber auch gute und schöne Nachrichten aus Wilhelmsburg. Nachdem er mich über die Wasserstände an der Bunthäuser Spitze aufgeklärt hat, sagt der junge Vater: „Da hinten haben wir renaturiert“.
Das verstehe ich erst, als ich die Flyer der Gesellschaft für ökologische Planung (http://www.goep.de), eines gemeinnützigen Naturschutzvereins, studiere: „Einst befanden sich Auen und Auwälder fast entlang des gesamten Elbufers. Für das Verschwinden der Elbauen sind menschliche Eingriffe wie Flussbegradigungen und -vertiefungen, Eindeichungen und Gewinnung neuen Siedlungsraumes sowie Uferbefestigungen und -bebauungen verantwortlich.“ Heute gibt es in Hamburg nur noch wenige Süßwassertideauen, jene einzigartigen Gebiete im Vordeichland, die regelmäßig von der Flut mit Süßwasser überschwemmt werden.

Die GOEP befreit in den Uferbereichen des Naturschutzgebietes Auenlandschaft Obere Tideelbe, das sich um die Bunthäuser Spitze herum die Norderelbe hinunter zieht, auch am gegenüberliegenden Ufer (auf der Karte gelb umrandet) mit freiwilligen Helfer*innen wie meinem Gesprächspartner vom Moorfleeter Deich kleine Abschnitte im Vordeichland von Steinen des Uferdeckwerks – per Hand. Dadurch finden zahlreiche Pflanzen und Tiere neue Heimat, auch der nur an der Süßwassertideelbe vorkommende Schierlings-Wasserfenchel.

So stellte der dänische Botaniker – er war der erste, der diese Pflanze beschrieb – Johan Martin Christian Lange den Schierlings-Wasserfenchel, Oenanthe coioides, in seinem Handbuch der dänischen Flora dar. Da gehörte er auch hin, denn die Stadt Altona an der Tide-Elbe gehörte zu den damals und heute weltweit einzigen Standorten dieser Pflanze.

Und so stellte Hans Christian Andersen den Botaniker dar. Er widmete Hans 1848 seinem Landsmann Johan Martin Christian Lange, der als erster „die Hamburgensie“ – auch im dänischen Altona vorkommend – Schierlingswasserfenchel beschrieb.
Vieles spricht für den Erhalt und die Wiederherstellung der Hamburger Natur, auch der nur hier vorkommende Schierlings-Wasserfenchel. Er ist auf Grund der oben beschriebenen Maßnahmen vom Aussterben bedroht. Und da es sich hier um eine endemische Art handelt, eine die nur an der Tide-Elbe vorkommt, haben wir Hamburger*innen im Rahmen der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt eine überregionale Verantwortung, müssen möglichst umgehend Schutzmaßnahmen durchführen, die den Erhaltungszustand dieser Art verbessern. Unter anderem durch die Renaturierungsmaßnahmen der GOEP wurde der Doldenblütler, unsere botanische Hamburgensie, schon stellenweise wieder angesiedelt.
Auch eine andere Hamburger Kostbarkeit gedeiht einen kleinen Spaziergang von der Bunthäuser Spitze entfernt: Wibels Schmiele.

Deschampsia wibeliana. Sie wird auch Wibels Schmiele, Elbe-Schmiele, Wibels-Schmiele oder Tide-Schmiele genannt. Unter diesem gepressten Exemplar aus dem Sommer 1866 steht Flora: Hamburg; Standort: Ufer der Elbe bei Neumühlen;
In Sachen Standort könnte eine noch ökologisch korrekt ergänzen: nasse zeitweilig überflutete Röhrichte und Staudenfluren (von hoch wachsenden, mehrjährigen krautigen Pflanzen bestandene Flächen), lehmig-sandige Flussufer, nur im Gezeitenbereich; und botanisch: Die 40-120 cm hohe Pflanze wächst horstig, viele Trieb stehen eng beieinander in Sprossbüscheln, die Seitentriebe stehen in so einem Horst, der für die Gattung Deschampsia, früher als Aira bezeichnet, typisch ist – auf der Illustration unten links ist das Horstige gut zu erkennen.

Schmielen wie die oben abgebildeten sind eine Pflanzengattung der Süßgräser. Die hat Botanikerin Robin Wall Kimmerer, Angehörige des amerikanischen Stammes der Potawatomi, die indigenes Wissen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verknüpft, mit ihrem Roman „Geflochtenes Süßgras“ in naturverliebten Zirkeln berühmt gemacht. Tatsächlich kommt diese Pflanzenfamilie mit ihren etwa 12.000 Arten und ihrer grasartigen Gestalt, wissenschaftlich Poaceae oder Gramineae genannt, weltweit in allen Klimazonen vor und wir müssten sie kennen wie unser täglich Brot, denn Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Hirse, Mais und Reis gehören dazu. Die deutsche Bezeichnung Süßgräser grenzt sie ab von den Sauergräsern, die weniger Futter- oder Nahrungswert haben. Wibels Schmiele, auch Elbe-Schmiele, Wibels-Schmiele oder Tide-Schmiele genannt, hat einen ziemlich hohen Wert, zumindest unter Botaniker*innen. Die kommen aus ganz Deutschland, um diese sehr seltene Süßgrasart, die nur an der Tide-Elbe vorkommt, zu fotografieren.

Kreetsand an der Norderelbe im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Das Foto zeigt das Gebiet nach der Rückdeichung aber vor der Absenkung zur Gewinnung eines Überschwemmungsgebiets. Cb22hh
Dazu kommt die Verantwortung in Sachen Flutkatastrophe: Die Wiederherstellung von Tideauen vergrößert den Flutraum und dämpft die Gefahr.

Hab viel gelernt – und wiederholt – im Elbe-Tideauenzentrum. Wir haben nassere Winter, einen höheren Tidenhub, höhere Flutspitzen als Anfang der 1980er, zu der Zeit, als ich die Auswirkungen von biologischen Prozessen auf Schwebstoffbildung und Sedimentation im Bereich des Hamburger Hafens untersuchte, und mit Renault oder Messschiff zwischen Ochsenwerder und Wittenberge (dorthin brachen wir per Messschiff von der Bunthäuser Spitze auf) unterwegs war. Wir haben ein paar Probleme mehr. Von der übermäßigen Schadstoffbelastung des Hafenschlicks schrieb ich damals schon, und wir forderten als Biolog*innen vehement Auslaufflächen.
Die dramatischen Folgen des fortschreitenden Fluss-Ausbaus konnten selbst wir Skeptiker*innen nicht vorhersehen. Fließgeschwindigkeit und Tidenhub steigen dadurch und auch der Transport der Schwebstoffe und das Aufwirbeln von Sedimenten – physikalische Prozesse, die ich bei meiner Diplomarbeit ebenfalls erfasste – ändern sich. Wie ich in der Ausstellung im Elbe-Tideauenzentrum lernte, transportiert der Flutstrom aus der Nordsee große Mengen von Sand und Schlick elbaufwärts und der schwächere Ebbstrom kann sie nicht zurücktransportierten. Daher müssten immer größere Mengen an Sediment ausgebaggert werden. Zudem erhöhe die Elbvertiefung die Fließgeschwindigkeit, das hat übrigens auch ökologische Auswirkungen, die ich schon in meinem taz-Artikel namens „Fische mögen keinen Strömungsstress“ Anfang der 1990er „erklärt“ habe … Dazu kommt noch als Klimafolge der Anstieg des Meeresspiegels in der Nordsee, der die Fluthöhen weiter steigen lässt.
Noch immer weisen Expert*innen darauf hin, dass durch großflächige Eindeichungen Überflutungsräume verloren gehen: „Nicht nur Deiche schützen vor Hochwasser“, heißt es in der Ausstellung. Auch die Vergrößerung der tidebeeinflussten Fläche zum Beispiel durch Rückverlegung der Deichlinie vermindere die Fluthöhe. Ein Tide-Auwald zum Beispiel, die typische Waldgesellschaft im Überschwemmungsgebiet von Flüssen habe eine enorme Schutzfunktion bei Sturmfluten.

Im Naturschutzgebiet Heuckenlock gibt es noch Reste eines Tide-Auenwaldes, Satohan

Naturschutzgebiet Auenlandschaft Obere Tideelbe, Lotte 76
„Die ständig zunehmenden Baggerarbeiten in der Elbe, vor allem zur Vertiefung der Fahrrinne, führen zu einer Eintrübung des Flusswassers, die Eier des Stunts werden vom Schlamm zugedeckt, seine Larven finden keine Nahrung mehr.“ Das schreibt der Biologe Matthias Glaubrecht vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (Museum der Natur in Hamburg). So liege ein Beispiel für den Verlust funktioneller Biodiversität „direkt vor unserer Haustür“. Ohne Arten würden die Ökosysteme der Erde nicht funktionieren. Glaubrecht nennt den Stint (Osmerus eperlanus) einen wichtigen Dreh- und Angelpunkt im Gefüge des Flusses, „denn er verbinde als zentrales Bindeglied die einzelnen Ebenen der Nahrungspyramide. „Die enormen Bestandsverluste führen dazu, dass der Stint bereits funktional ausstirbt“. Durch sein Fehlen würden ökologische Netzwerke zerreißen. Diese Netzwerke, so schreibt der Wissenschaftler, „liefern uns Nahrung, Medikamente und andere unverzichtbare Produkte und bescheren uns Schönheit“. Wir müssten uns daher zu „einem wirklich nachhaltigen System zur Nutzung der Natur, zu einer ökologisch sinnvollen und sozial gerechteren Wirtschaftsweise durchringen“. Ein zentraler Aspekt dabei sei, „dass wir wieder mehr natürlichen Lebensraum schaffen“. Natürlich nicht nur für den Stint, aber auch dieser knapp 20 Zentimeter große Wanderfisch braucht vielleicht Rechte, damit wir Wege aus dem Artensterben finden. Glaubrechts Beitrag „Die Krise des Lebens und das Ende der Evolution – Vom globalen Verlust der Biodiversität im Anthropozän“ stammt aus dem Buch WELCHE RECHTE BRAUCHT DIE NATUR.
Und diesen Buchtipp wiederum hatte ich am Vortag meines Ausfluges nach Moorwerder gescannt, in der Offenen Bootswerkstatt am Wilhelmsburger Veringkanal. Dort wurde ein facettenreiches und schillerndes Flussprojekt vorgestellt: „Gemeinsam mit der Elbe im Fluss“. Die Themen faszinierten mich schon im Vorwege: Ist eine andere Flusskarte möglich? Kritische und kreative Kartographie; sorgebasierte Mensch-Flusspraktiken; Flussgeschichten, Gemeinsames Erzählen und Reflektieren. Veranstalterinnen von Ausstellung und Kartierung, Barkassendinner und Diskussion war die Arbeitsgruppe Arbeitsgruppe Kritische Geographien globaler Ungleichheiten (KGGU/https://ag-kggu.net der Universität Hamburg, sie beschäftigt sich mit bestehenden Ungleichheits- und Machtverhältnissen und bringt Forschungsfragen und -ergebnisse auch in gesellschaftliche Prozesse mit ein) in einer Kooperation mit dem Kollektiv „Libertalia“ und der Honigfabrik Wilhelmsburg.
So radelte ich also zur Offenen Bootswerkstatt der Honigfabrik in Wilhelmsburg, an den Veringkanal, wo die Dozentinnen Dr. Isabel von Holt vom Institut für Liberal Arts & Sciences und Dr. Katrin Singer vom Institut für Geographie – beide von der Universität Hamburg – und die von ihnen betreuten Studierenden uns „in der Schnelllebigkeit krisenhafter Naturverhältnisse“ zum Innehalten und Nachdenken einluden.
Auszuloten, „was wir von der Vorstellung flusszugewandter Lebensweisen, also einem Leben mit und weniger gegen die Tideelbe, in Form von kreativen Karten und Zugängen lernen können“, das war Ziel ihres Projektseminars „Zusammen (im) Fluss“ im Sommersemester 2025 Studierende der beiden Institute haben dabei „das Denken und Praktizieren um und mit Flüssen erprobt“ und den Fluss vor ihrer Haustür besser kennengelernt: die Tideelbe. In der temporären Ausstellung Zusammen (im) Fluss in der Offenen Bootswerkstatt präsentierten am 24. Oktober für drei Stunden ihre Arbeiten.

Wir blieben wir und wurden andere, nachdem die Dozentinnen Dr. Isabel von Holt (links, Institut für Liberal Arts & Sciences ) und Dr. Katrin Singer (rechts, Institut für Geographie) und die von ihnen an der Universität Hamburg betreuten Studierenden uns „in der Schnelllebigkeit krisenhafter Naturverhältnisse“ zum Innehalten und Nachdenken einluden. „Wir möchten ausloten, was wir von der Vorstellung flusszugewandter Lebensweisen, also einem Leben mit und weniger gegen die Tideelbe, in Form von kreativen Karten und Zugängen lernen können.
Empfohlen wurde uns Verweilen und tiefer Blick. Gar nicht so leicht bei so einer an- und aufregenden temporären Ausstellung und Kartierung, wie sie am 24.10. in der Wilhelmsburger Honigfabrik stattfand. Mein wunderbares Veranstaltungsfundstück „Barkassenabend: Gemeinsam mit der Elbe im Fluss) fand ich bei den diesjährigen HAMBURGER HORIZONTEn (http://hamburger-horizonte.de)/Wissenschaft trifft Gesellschaft/Thema: Über Wasser). Sein Titel greift das Konzept der Konfluenz auf, das auf den quilombola Meister Antônio Bispo dos Santos zurückgeht: „Ein Fluss hört nicht auf, ein Fluss zu sein, weil er mit einem anderen Fluss zusammenfließt; im Gegenteil, er bleibt er selbst und wird zu anderen Flüssen, er wird stärker. Wenn wir zusammenfließen, hören wir nicht auf, wir selbst zu sein, wir bleiben wir und werden andere Menschen – wir gehen darin auf. Die Konfluenz ist eine Kraft, in der wir aufgehen, die zunimmt, die sich ausdehnt.“

Uns wurden Hefte aus Landkarten gegeben, wir wurden aufgefordert, „Zines“ als Begleiter zur temporären Ausstellung anzufertigen. Ich fand nach längerem Suchen tatsächlich ein Heft, auf dem ein wenig Elbe zu sehen war. „AUSGEMUSTERT“ markiert der Stempel die nun für die handwerkliche Erstellung unseres eigenen magazines (Zines) (Zine oder Nichtsein:)) mit anderen ausgemusterten topographischen Dokumenten auf meine Einfälle wartet. Zu sehen ist darauf ein Wäldchen namens „Die Hölle“ in der Nähe von Kummerfeld. Wherever that is. Ich guck doch mal nach. Also Kummerfeld liegt ziemlich weit weg von der Elbe. Aber Otterndorf! Da sind wir doch schon da wo Strom und Ästuar und Mündungstrichter ihren Namen verdienen, wo sich mitten in der Elbmündung eine Insel befindet. Sie sieht ziemlich eckig aus, das rührt daher, dass die Insel Medemsand vor dem Zweiten Weltkrieg als Flak-Vorposten durch Sandaufspülungen künstlich angelegt (Flak oder FlaK sind – für alle Zivilist*innen/Antimilitarist*innen: Abkürzungen für im Ersten Weltkrieg entwickelte eine Flug- oder Fliegerabwehrkanonen). Im Zuge der Elbvertiefungen ab 1957 stieg die Strömungsgeschwindigkeit und das Fahrwasser der Medemrinne rückte immer näher heran an die Insel. Sie gilt mittlerweile als verschwunden.

Mit ihrer Ausstellung haben die Studentinnen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven Bezug zum amphibischen Leben – Lebensräumen zwischen Land und Wasser – und zur Elbe aufgenommen. Das tue ich nun mit einem Foto aus dem Jahr 2008:

Die verschwundene Insel Medemsand von Cuxhaven im Abendlicht, Frühjahr 2008, RaBoe/Wikipedia, //commons.wikimedia.org/wiki/File:Cuxhaven_Medemsand_01_(RaBoe).jpg; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/legalcode

Die Hamburger beauftragten im 16. Jahrhundert den Maler Melchior Lorichs mit der Erstellung einer Elbkarte, die u.a. die Bedeutung und Sorge der Stadt Hamburg für den Fluss hervorheben sollte. Das mit der städtischen Sorge um die Elbe war eine gute Idee! Da knüpfen die Studentinnen quasi als „Stadtmütter“ von heute direkt an (auch wenn das mit der Sorge damals wahrscheinlich vor allem wirtschaftlich getriggerte PR, wir nehmen die früheren Stadtväter beim Wort, oder? Eine Reproduktion der Karte ist übrigens im Museum für Hamburgische Geschichte ausgestellt.
Die Region auf dem Kartenausschnitt meines „Zines“, auch die Wattfläche des Medemsandes ist eine wichtige Ruhezone unter anderem für Seehunde. Die Sorge der Hamburger*innen könnte daher heutzutage dem Erhalt solcher Flächen in der vielbefahrenen Elbmündung gelten.

Ein Seehund auf dem Medemsand, 2007, Ra Bö
Das lateinische Wort aestuarium bedeutet: der Flut ausgesetzte Flussmündung. Und das trichterförmige Ästuar der Unterelbe ist mit 183 Kilometern Länge das größte Europas. Seewärts ist seine Grenze als die „durchschnittliche Lage der 10-PSU-Isohaline“ definiert.

Die Elbmündung um 1721
Und da ich in Jahrzehnten nicht genutzte Teile meiner erlernten Studieninhalte vergessen habe, stürzen wir uns jetzt mal zusammen in unseren riesigen Mündungstrichter an der Nordseeküste. Seine landwärtige Grenze wird definiert als die durchschnittliche Grenze von Süßwasser zu Brackwasser. Letzteres enthält per wissenschaftlicher Definition ein bis zehn Promille Salze, also 1 – 10 Gramm pro Kilogramm. Und eignet sich nicht für die Bewässerung von Gärten und Äckern.
Darüber mussten sich die ersten Siedler des heute größten geschlossenen Obstbaugebietes der BRD keine Gedanken machen. Sie ließen sich zunächst nahe des südlichen Ufers der Unterelbe nieder, auf sandigem Hochland nahe der Mündung kleinerer Flussläufe. Die natürlichen Nebenarme der Elbe werden Fleete oder Flethe genannt, daher stammen auch alte Ortsnamen wie Wewelsfleth.

Wewelsfleth (Wevelflete) 1645 im Atlas Maior von Willem Blaeu
Die ersten Anwohner betrieben neben dem Fischfang auf den fruchtbaren, aber stets von Sturmfluten bedrohten Marschen südwestlich der Elbe – heute gehören sie teils zu Hamburg, teils zu Niedersachsen – Viehhaltung und ein wenig Ackerbau. Der Ort Neuenkirchen nahe der Elbmündung, maximal 0 m ü. NHN, also auf Höhe des Meeresspiegels gelegen, galt als „Koornkammer“. Angebaut wurde dort Sommergetreide.
Die Urbarmachung der tiefer als Tide-Hochwasser gelegenen Gebiete begann Anfang des 12. Jahrhunderts. Dieses kostbare Schwemmland – Marschen bestehen ja aus angeschwemmten Sedimenten – zwischen dem Geestrand und den höher gelegenen Siedlungen in Ufernähe wurde nun eingedeicht und entwässert.

Neuenkirchen mit der für Hollerkolonien typischen Flurform um 1871. Dieses „andere“ und sehr früh besiedelte Neuenkirchen liegt zwischen Stade und Hamburg und wurde sehr früh besiedelt. In diesem Marschhufendorf erstrecken sich die streifenförmigen Stücke entlang der Luhe.
Es heiße hier „ENT UND BE“! So lautete die laute Belehrung für mich als Zugezogene in der Hamburger Elbmarsch, auf den anderen Elbseite. An beiden Ufern hat die Entwässerung hat seit alters her Vorrang und muss stets gewährleistet sein, so erfuhr ich. Und lernte als wichtigsten Termin des Jahres die Grabenschau im Spätherbst zu beachten, die wasserführenden Gräben auf meinem städtischen Pachtland in Neuengamme ordentlich freizuhalten. Es heißt aber auch Be, für Bewässerung. Die erfolgt auch mit Flusswasser, das über sich um nicht mehr vorhandene Inseln schlängelnde Nebenarme seinen Weg in die schnurgeraden Gräben findet.
Und schon sind wir wieder beim Thema: Im gut hundert Quadratkilometer großen historischen Kulturland „Altes Land“ muss – vor allem in unseren immer dürrer werdenden Zeiten – natürlich auch bewässert werden. Sowenig ich vom Obstbau weiß, weiß ich doch, dass es zu bestimmten Phasen der Blüte und auch der Bildung von Früchten quasi auf jedes Tröpfchen ankommt. Insofern konnte ich die Nachricht, die mir Jannis Schröder bei der ersten Konferenz zur Zukunft von Obst- und Ackerbau, Viehzucht und Gartenbau an der Unterelbe (AGRAR+ 2045) über den Stehtisch reichte, als bedrohlich einordnen. Sie würden im Alten Land, Schröder ist Betriebsleiter auf einem Bio-Obsthof in Francop (Hamburgisches Altes Land), nunmehr salziges Wasser aus der Elbe pumpen.
Á la Kontext statt Kontent betreiben wir nun nochmal ein wenig Ästuar-Forschung: die obere Brackwassergrenze ist in den vergangenen Jahren immer weiter elbaufwärts gerutscht. Das geschah nicht ohne menschliches Zutun. Im Zuge der ständigen und zunehmenden „Unterhaltungsbaggerungen“ liegt sie nun offenbar nicht mehr bei Lühe, sondern in Hamburg. Der Salzgehalt im Elbwasser habe im Alten Land deutlich zugenommen.
Ansonsten ist das Elbe-Ästuar, dieses an die 47.000 Hektar große Lebensraum-Mosaik aus Flussinseln, Flachwasser, Brackwasser-Watten, dort wo die Elbe auf Meer trifft, ein bewegtes und bewegendes amphibisches Wunderwerk der Natur. Dahin trieb mich also mein Zine. Und irgendwann trage ich dies auch ins Heft ein und bringe es vorbei. Aus lauter Sorge um die Seehunde und anderen Wildtiere unseres Flusses.

Antonia Everding (Mitte) studiert am Hamburger Institut für Liberal Arts & Sciences, für ihr Projekt mit den Sumpf- und Wasserpflanzen an und in der Tideelbe gab ihr Großmutter Dietlinde das entscheidende, „alles bestimmende“ Buch (Was blüht denn da? besser als jede App…). Mit Gastsohn Alex, Vater Frank, Mutter Alexandra und Antonias Großmutter probierten wir ihr Wasserpflanzen-Memory aus. Es ist klasse. In ihrer Kurzgeschichte sagt die Elbe: „Manchmal tobe ich mich mit der kreativen Wucht einer Sturmflut an der Landschaft aus.“
Sie habe ja nichts gewusst von Pflanzen wie den Strandsimsen, sagt Literaturstudentin Antonia. Und ich bekomme nun Gelegenheit, zu wiederholen, was sie uns beim diesjährigen Feld-Botanikkurs Sumpf- und Wasserpflanzenkurs „eingebimst“ haben. Schließlich sterben mit den Arten auch die Artenkenner*innen aus, dem setzt die Akademie für Artenkenntnis Schleswig-Holstein im von mir seit Jahrzehnten stark frequentierten im Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume etwas entgegen. Und ich bin fleißig dabei. Strandsimsen Die kommen, wie eine sich schon fast denkt, überwiegend in Feuchtgebieten vor. Und gehören zu den Sauergräsern. Das sind jene Gräser, die weniger nahrhaft sind als die oben vorgestellten Süßgräser. Zur Unterscheidung von den Süßgräsern gilt: Die mehr oder weniger dreikantigen Stängel der Sauergräser sind markhaltig und besitzen keine erhabenen Knoten. Wohingegen die Stängel der Süßgräser fühlbar durch Knoten unterteilt sind. Sie werden als Halme bezeichnet und sind meist hohl und rund. Beim römischen Komödiendichter Terenz findet sich die Redensart nodum in scirpo quaerere („Stengelknoten auch an der Binse suchen“), also Schwierigkeiten suchen, wo keine sind. Die hatten vielleicht botanische Kenntnisse!
Die Strandsimsen sind eine Pflanzengattung in der Familie der Sauergräser. Der wissenschaftliche Gattungsname
Bolboschoenus setzt sich aus den altgriechischen Wörtern bólbos für Zwiebel und schoinos für „Binse“ zusammen. Die teilweise zwiebelartige Verdickung der Ausläufer kann eine sehen und fühlen. Aber wie ist „die binsenförmige Gestalt“ dieser Simsen zu deuten? Binsen sind eine andere Gattung der Sauergräser, ebenfalls ohne Stengelknoten. Im Volksmund werden aber auch andere Süßgräser als die Gattung „Binsen“ als Binsen bezeichnet, und alle werden als Flechtmaterial genutzt. Wir wollen nun keine weiteren Schwierigkeiten suchen, sondern uns aufs Schöne und Nützliche konzentrieren: Die Kombination aus dem weichen Mark und der festen, aber nicht starren, biegsamen „Rinde“ macht Sauergräser zu einem geschätzten Flechtmaterial für Schuhe, Taschen, Matten, Reusen. Oder Körbe und andere Behälter. Und schon können wir um die Ecke lugen, zur Tragetaschentheorie des Erzählens. Warum hängt der diesbezügliche Aufsatz von Ursula K. Leguin dort am Boot? Weil es insgesamt, wie ich verstand, eher um den sorgenden, sammelnden, erzählenden als um den waffenstarrenden Ansatz geht. In dieser Ausstellung. Der Podcast „Die Stimmen der Flüsse“ von Friederike geht auch in diese Richtung.

Ich lausche ihm oben auf dem Boot namens „Alte Dame“.

Und dann durfte ich an Bord der Barkasse Libertalia gehen, die irgendwann langsam und leise über Hamburgs Gewässer gleiten soll.

Ich danke euch allen von ganzem Herzen!