Der karierte Koffer

Der karierte Koffer fährt nach Lübeck, Teil 2

8. November 2024

bewundere Freitag den 8. – 10:45 – Stadthalle/Lübeck –

vorher erhalte ich im schönen Frühstücksraum der Jugendherberge Lübeck-Altstadt, in dem alle immer interessiert alles mithören, von Phillip eine geriatrisch und pädagogisch perfekte Einleitung ins Bilder- und Bildunterschriften-Einfügen bei Instagram. Phillip ist Surfer mit einer Vorliebe für dänische Fjords und Schülervertreter. Sein Team beratschlagt gerade neue Projekte für die Schule. Bestimmt auch fürs sonstige Leben. Und ich habe meinen ersten Follower. Danke, Phillip!

Meine heißgeliebte JH befindet sich ein Stück links vom roten Strich, der das Sträßchen Fünfhausen markiert, in dem mein heißgeliebter Unterwäscheladen schon vor 250 Jahren residierte. Die Altstadt hat’s in sich.

How I became an Activist, so ähnlich heißt das Buch, das Virpi Suutari zu ihrer Doku bewegt hat, steht im Abspann von Once Upon a time in a Forest. Die 1967 in Finnland geborene Regisseurin und Drehbuchautorin traf „ihre“ Aktivistin beim Treffen einer Extinction Rebellion Gruppe (rebellion.global). Die Kurzform für diese selbstorganisierte, dezentralisierte, internationale und politisch unabhängige Bewegung, die gewaltfreien zivilen Widerstand einsetzt, um Regierungen dazu zu bewegen, auf gerechte Art und Weise auf die ökologische Krise und den Klimanotstand zu reagieren lautet XR. Minka, die zu einer der selbstsicheren und sanften Heldinnen ihres Filmes wurde traf Suutari bei einer finnischen XR-Gruppe, die sich gerade als Waldrebell*innen einer nationalen Wald-Bewegung anschloss. 

Die Wälder, für die Ida und Minka und die anderen finnischen Rebell*innen kämpfen, sind Boreale Nadelwälder, deswegen füge ich hier Bilder von so einem scheinbar unendlichen Wald ein, die ich 2017 in der Taiga inmitten von Sibirien aufnahm und der Einfachheit halber eine Wiki-Definition: Borealer Nadelwald (von griechisch Βορέας Boréas, deutsch ‚der Nördliche‘: Gott des Nordwindes in der griechischen Mythologie), auch Taiga (von russisch тайга  ‚dichter, undurchdringlicher, oft sumpfiger Wald‘, womöglich auf mongolisch тайга  ‚Bergwald‘zurückzuführen) ist der Oberbegriff für die Wälder der kaltgemäßigten Klimazone. Die Taiga kommt ausnahmslos auf der Nordhalbkugel vor,[3] da auf der Südhalbkugel die großen Landmassen fehlen, die das für die borealen Wälder typische Klima ermöglichen. Der Begriff stammt aus der Geographie und bezeichnet verallgemeinernd einen bestimmten Landschaftstyp der globalen Maßstabsebene. Je nach Disziplin existieren unterschiedliche Definitionen.

Minka erschien der finnischen Filmemacherin mal wie ein geniales Kind, mal wie eine strategische Denkerin, so sagte Suutari in einem Interview. Sie folgte Minka über eineinhalb Jahre in die Wälder und auf die Straßen Helsinkis. Und traf auch Ida, die zwischendurch fast zu einem Waldwesen wird, ihre tiefe Liebe für den Wald ist nicht zu übersehen, und nicht gespielt. 

Wie diese Jungen mit einem Kanu tief in die letzten Wildnisse ihrer Gegenwart driften, die offiziell keine sind, weil nämlich die weltweite Ausrottung von Pflanzen- und Tierarten dazu führt, dass kaum noch Naturschutzgebiete deklariert werden können, packt mich. Schließe mich ihnen an, feiere im Kinositz, dass endlich, endlich wieder Menschen sich die Mühe machen, eine Lupe rauszuholen und fürs Geldverdienen völlig unbedeutende Kleinstlebewesen identifizieren. Auch wie kolossal klug, geradlinig, bestens informiert und kaum je irritiert, diese Rebellinnen, ausgestattet mit unsichtbaren Schwertern der von XR ausgeübten zukunftsweisenden Kommunikationspraktiken, die sich auch durch fast alles durchdringende Herzenswärme auszeichnen, den Vertretern (für diese Doku stimmt tatsächlich die männliche Form und eine Protagonistin „kotzt“ sich nachts im Schlafsack, im Zelt aus über diese älteren weißen Kerle: „Vor allem laut“ seien sie) entgegentreten, unbeirrbar, furchtlos – und freundlich – macht mir Hoffnung, mir alter Ökoaktivistin, die ich auf der mittlerweile 50-jährigen Strecke, die mit der Arbeitsgruppe gegen Unterelbe-Industrialisierung begann, als Cadmium die Aale umbrachte in einem der einst fischreichsten Flüsse Europas, zwischendrin mal mein unsichtbares Schwert niedergelegt hatte. Nun nehme ich es wieder in die Hand und lerne von diesen jungen Frauen.

Es gebe eine Menge Aggression gegen die Aktivist*innen, so sagt Suutari. Und vermutet, dass diese uns an unsere eigene moralische Faulheit erinnern. Herzzerreißend hingegen finden andere und ich die Trauer dieser Generation über die nahezu ungebremst fortschreitende Zerstörung natürlicher Lebensräume – environmental sorrow -, auch, wie sie sich bereits darauf vorbereitet, vieles heute noch Lebende zu verlieren, und weiterhin versuchen, Lebensräume, Tier- und Pflanzenarten zu retten. 

Es gebe eine Menge Aggression gegen die Aktivist*innen, so sagt Suutari. Und vermutet, dass diese uns an unsere eigene moralische Faulheit erinnern. Herzzerreißend hingegen finden andere und ich die Trauer dieser Generation über die nahezu ungebremst fortschreitende Zerstörung natürlicher Lebensräume – environmental sorrow -, auch, wie sie sich bereits darauf vorbereitet, vieles heute noch Lebende zu verlieren, und weiterhin versuchen, Lebensräume, Tier- und Pflanzenarten zu retten. 

Sie rühren mich so sehr und haben mein tiefstes Mitgefühl, wie sie bei all dem die sinnlichen Naturerlebnisse nicht aus den Augen verlieren, wie sie da so auf einem Gewässer treiben, die Namensliste der von vom Aussterben bedrohten Arten mit Ida und Minka ergänzen. Dieser Realismus ist den AWM (alten weißen Männern) völlig fremd. Sie huldigen dem schönen Schein – um nicht den Scheinen zu schreiben – Umsatzzahlen und grünwaschenden Gesetzesvorlagen. 

Da ist auch diese Szene in der Bahn, wo zwei Wald-Aktivist*innen recherchieren, was die Firma da mitten im Wald, in Finnlnds letzten Refugien für bedrohte Arten, eigentlich macht. Klopapier. Da fällt mir ein, dass mein Freund Gernot mir neulich erzählt hat, er habe sich seine gesamte Kindheit hindurch „den Arsch“ mit kleingerissener Zeitung geputzt, und dass ein großer Teil der Menschheit für die Reinigung des Allerwertesten seit alters her und bis heute kein Papier benutzt. Und dann sitze ich mit den Rebell*innen am langen Konferenztisch und bin voller Abscheu. Hier wird ohne jede Propaganda das radikale und brutale Gesicht von scheinbar unbeweglichen multinationalen kapitalistischen Konzernen enthüllt – etwa wie in Des Kaisers neue Kleider. Bin auch voll Bewunderung. Diese einfühlsamen und sanften Strateginnen machen die nur scheinbar milde verschleiernden Bosse sprachlos. 

Mittlerweile ist dann doch ein Stück Wald in Finnland unter Naturschutz gestellt worden, eines, in dem eine der jungen Forscher*innen ein seltenes Pflanzen- oder Tierwesen gefunden hat. Geht doch! Wenn auch viel zu langsam. Den Waldrebellinnen stehen neben Multis in 600.000 private finnische Waldbesitzer gegenüber – einen von denen sollte ich am Sonntag via Kaurismäki noch kennenlernen, davon später – und ich wünsche von ganzem Herzen viel Erfolg!

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