Der karierte Koffer

Das müssen Sie sich mal vorstellen! Von der Macht der Imagination.

John Lennon empfiehlt es, Gerald Hüther, Pippi Langstrumpf, die Schamanin an der Saale und Barbara Berckhan setzen ebenfalls drauf: Das Vorstellungsvermögen. „Imagine there’s no countries – It isn’t hard to do – Nothing to kill or die for – And no religion too – Imagine all the people living life in peace“. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Kein Himmelreich, keine Hölle, keine Länder, keine Religion, kein Grund für Gier oder Hunger, nichts wofür man morden oder sterben müßte … John Lennon´s Vorschläge und Vorstellungen sind wissenschaftlich korrekt (Imagination und Fantasie können uns nachweislich sowohl poltitisch als auch privat unterstützen) und topaktuell. Allerdings agitieren positive Bilder noch besser. Das liegt unter anderem am limbischen System, der funktionellen Einheit des Gehirns, die für Furcht, Wut und Wünsche zuständig ist. Auf „kein“ und „nein“ reagieren wir mit Stresssymptomen. Überhaupt verweigert das Gehirn gerne mal ein Verbot: Denken Sie jetzt mal nicht an einen rosa Elefanten …

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe und verlässt als Autor und Wissenschaftler gerne mal zu enge Windungen. Das Foto zeigt ihn im November 2016 bei der Vorstellung seines Buches „Etwas mehr Hirn, bitte“, in dem er uns vorschlägt, die Integration von Flüchtlingen als Chance zu, unsere verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen aufzubrechen, Stifterverband

Experte dafür – nicht für rosa Elefanten, fürs Gehirn – ist Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Hüther. Der Neurobiologe davon überzeugt, dass Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. Innere Bilder, so schreibt Hüther, „das sind all die Vorstellungen, die wir in uns tragen und die unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. Es sind Ideen und Visionen von dem, was wir sind, was wir erstrebenswert finden und was wir vielleicht einmal erreichen wollen… Wir brauchen diese Bilder, um Handlungen zu planen, Herausforderungen anzunehmen und auf Bedrohungen zu reagieren.“ In seinem Buch „Die Macht der inneren Bilder“ beleuchtet Hüther die Verbindung zwischen Materie und Geist, zwischen der äußeren Struktur und der inneren Gestaltungskraft, aus naturwissenschaftlicher Perspektive.

„Bald werde ich 75 und wenn ich zurückschaue, wird deutlich, dass ich immer als Suchender unterwegs war“, schreibt Neurobiologe Hüther auf seiner Site. Seine neurobiologische Forschungstätigkeit „an einem sehr komfortablen Max-Planck-Institut“ habe er eingestellt, als er merkte, „dass ich immer weniger verstehe, wie alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist, solange ich das Gehirn in immer kleinere Einzelteile zerlege.“

Sowjetische Briefmarke von 1981, die Picasso und seine Friedenstaube aus dem Jahr 1949 darstellt, Post of Soviet Union – http://russianstamps.ru/

Wie Hüther bin ich mir sicher, „dass wir Menschen nicht leben können, ohne unserem Dasein einen über unsere persönlichen Belange hinausreichenden Sinn zu verleihen.“ Auf diesem das Private übersteigende Feld sind, wie es mir scheint, Hüther, Lennon und Picasso auf einer Wellenlänge. Deshalb stellen uns jetzt mal der Sinnsuche, stellen uns den Frieden vor, und bringen eine Frau „ins Feld“:

Die österreichische Journalistin, Autorin, Friedensaktivistin und Feministin Bertha von Suttner (sitzend, Zweite von links) auf dem Weltfriedenskongress 1907, München.

Zwei Jahre vorm überwiegend männlich besetzten Friedenskongress hatte Bertha von Suttner endlich den Friedensnobelpreis erhalten. Obwohl Alfred Nobel an sie als erste Preisträgerin gedacht hatte, erhielten vor ihr erstmal fünf Männer und ein Institut den von ihr angeregten Preis.

Bertha von Suttner 1905

Suttner habe für ihr Anliegen bewusst die Romanform anstelle eines Sachbuchs gewählt, entnehme ich der deutschen Wikipedia, „da sie der Meinung war, auf diese Weise ein breiteres Publikum erreichen zu können“. Die große Popularität des Buches resultiere zum Teil auch aus der Tatsache, dass sie neben der Frage von Krieg und Frieden auch das Selbstverständnis und die Rolle der Frauen in der Gesellschaft thematisierte. Der HEEL Verlag/PETERSBERG schreibt 2024 zur Neuauflage von Suttners Roman für den Frieden: „Die Waffen nieder!“ sei ein Roman, wie er aktueller nicht sein könnte.

Bertha von Suttners Roman „Die Waffen nieder!“ ist 1889 erschienen

Die Erfahrungen von Suttners Romanheldin in vier Kriegen führen mich zu meiner Großmutter. Geboren 1900 als Deutsche im Russischen Zarenreich, im heutigen Lettland, erlebte sie, wie ihr Vater in Kriegsgefangenschaft geriet, und verlor – die „Kriegswege“ der Frauen und Kinder sind andere als die der Männer – zum ersten Mal ihre Heimat.

Maria Poetschke, meine Großmutter (Mitte) kurz bevor sie zum ersten Mal kriegsbedingt ihre Heimat in der Nähe von Riga (heutiges Lettland) verlor.

Sie floh aus Riga nach Sibirien, wo sie unter anderem zwischen die Rote und die Weiße Armee geriet. Eine wesentliche Phase deutscher Geschichte erlebte Maria Poetschke/verheiratete Holub in den 1920ern in Berlin.

„Nie wieder Krieg“, Friedensdemonstration im Berliner Lustgarten am 10. Juli 1922, National Photo Company – US-amerikanische Library of Congress.

Meine Großmutter zog Ende der 1920er ins damalige Westpreußen, wo gleich um die Ecke Hitler seinen Angriffskrieg entfesselte, von wo sie zu dessen Ende vertreiben wurde. Sie hat als Ex-Faschistin ihren Pazifismus immer hoch, und das politische Geschehen im Auge behalten. In den 1950er-Jahren mussten Friedensfreund*innen zu einer neuen Parole greifen: „Kampf dem Atomtod!“. Sie wandte sich ausdrücklich gegen die Atombewaffnung beider Blöcke und sollte zunächst die Atombewaffnung der Bundeswehr und der NATO aufhalten. Aus diese Bewegung sind unter anderem die späteren Ostermärsche hervorgegangen.

Ostermarsch 1960 von Hamburg nach Bergen-Hohne, Konrad Tempel

In den 1970ern rief meine Großmutter mich an und forderte mich auf, gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in einem Land, von dem nie wieder Krieg ausgehen durfte, zu porotestieren. „Es gibt da doch diese Ostermärsche, Veralein, ich bin zu alt!“ Der Aufruf unserer westdeutschen Friedensbewegung, der Krefelder Appell, forderte die damalige BRD-Regierung auf, die Zustimmung zur Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen zurückzuziehen und innerhalb der NATO auf die Beendigung des atomaren Wettrüstens zu drängen. Der Appell wurde bis 1983 von über vier Millionen Bundesbürgern unterzeichnet.

Eine der Diffamierten: Petra Kelly, Vertreterin der Krefelder Initiative, Bundesarchiv, Bild 183-1982-0912-015 / Rainer Mittelstädt / CC-BY-SA 3.0

Warum schreibe ich das hier so genau? Weil wir Friedensbewegten schon damals „irre“ diffamiert wurden. Irre passt wirklich irre gut, so blöd es klingt. Ich kann hier nicht meine Erinnerungen plündern, so exakt sind die nicht – und auch von Wut vernebelt, daher zitiere ich in Sachen Verhetzung hier einfach die deutsche Wikipedia: Demnach stieß jedoch der Krefelder Appell schon bald nach seinem Erscheinen auf Ablehnung der im Bundestag vertretenen Parteien sowie des DGB. „Sie kennzeichneten die Unterzeichner vielfach als „nützliche Idioten“ der SED und ihrer westdeutschen Ableger wie der DKP. Da die DDR-Regierung die DKP und ihr nahestehende Organisationen auch finanziell unterstützte, behaupteten manche Historiker auch einen direkten SED-Einfluss auf den Krefelder Appell. Das Bundesverteidigungsministerium unter Hans Apel ließ Broschüren verteilen, wonach sogar alle Initiatoren des Appells finanziell von der Sowjetunion (nicht der SED) abhängig seien.

Auch Erhard Eppler, der die inhaltlichen Forderungen des Appells teilte, unterzeichnete ihn nicht, weil der Mitautor Josef Weber „noch nie gegenüber der anderen Seite Nein gesagt“ habe. Diese Kritik teilten auch Teile der SPD und der Gewerkschaften.“ Die Namen sind Schall und Rauch, befürchte ich, aber das Prinzip „Teile und herrsche“ wird von am Herrschen interessierten weiterhin täglich angewandt. Als Gegenmittel empfiehlt Propagandaforscher und Autor Dr. Jonas Tögel gibt uns den Tipp, wie wir die größte Kraft für den Frieden entfesseln können: „die öffentliche Meinung, getragen von einer starken und sichtbaren Friedensbewegung“. Und ich setze zu dem auf Mut und Fantasie, die Macht der inneren Bilder. Und auf Ostermarsch sowie Friedensfest.

Wir Hamburger*innen haben besonders viel Grund auf die Straße zu gehen, setzen doch in unserer Hafenstadt immer mehr Firmen auf die gewinnversprechende und staatlich geförderte Waffenproduktion. Bei einer Friedensdemo vor einigen Jahren trug ein alter Hafenarbeiter ein Gedicht vor, das von seiner Trauer handelte, die Trauer darüber, dass aus diesem Hafen überhaupt Waffen in die Welt befördert werden. Das Hamburger Forum (https://www.hamburgerforum.org) ruft uns auf die Straße: „Ob in den Nachrichten oder im Straßenbild, die Zukunft Deutschlands scheint schon entschieden. Nicht verteidigungsfähig sondern „kriegstüchtig“ sollen wir werden. Darauf bestehen Verteidigungsminister Pistorius und Co.
 Das sagt die großflächige Außenwerbung der Bundeswehr. Das sagen die allermeisten Zeitungen, ob Bild, Spiegel oder Zeit. Der Krieg soll kommen, früher oder später. Doch immer mehr, insbesondere junge Menschen lehnen sich dagegen auf, protestieren auf den Straßen und anderswo.“
Für ihre Rüstungspläne versenke die deutsche Regierung Geld, das in anderen Bereichen fehlt. „Krankenhäuser werden kaputt gespart, soziale Einrichtungen geschlossen. Kein Geld
 für Schulen und Kitaplätze, weniger Rente und immer länger arbeiten. Der Sozialstaat wird eingestampft und auf Kriegswirtschaft umgestellt.“

Aufrüstung verhindere keine Kriege, schaffe keine Sicherheit, im Gegenteil. „Die Aufrüstungsspirale führt zur selbsterfüllenden Prophezeiung, zum Krieg. Auch die für 2026 geplante Stationierung von atomar bestückbaren US Mittelstreckenraketen in Deutschland erhöht die Kriegsgefahr deutlich.“ Doch die USA und in ihrem Gefolge Deutschland würden auf internationale Konfrontation setzen. „Krieg als bewusste Entscheidung von Machteliten, ihre ökonomischen und politischen Interessen gewaltsam durchzusetzen.“ In Europa würde ein Krieg zwischen Russland und NATO mit hoher Wahrscheinlichkeit nuklear eskalieren. „Und das bedeutet das Ende von uns allen.“

Also: Kampf dem Atomtod! Aber dafür brauchen wir wirklich positive Impulse und Vorstellungen, zumal das Diffamieren und gegeneinander Aufhetzen – „Lass dich nicht aufhetzen!“ warnte meine „kriegserprobte“ Großmutter – schon wieder in vollem Gange ist. Daher habe ich mich für ein Friedensfest am Ostermontag entschieden:

Beitrag per Mail versenden