Der karierte Koffer

Der karierte Koffer fährt nach Fryslân, Teil 16

9. August 2024

halte inne Freitag den 9. – 14:25 – Gytsjerk –

und orientiere mich dabei an Bildern des in Fryslân geborenen Lourens Alma Tademar, bekannt geworden als Sir Lawrence Alma-Tademar …

… sowie an dem, was an Fokjes Wänden hängt. Wer, was, wo, wie aber bin ich gerade? Solche wesentlichen inneren Richtwerte gehen einer Reisenden bei all den äußeren Eindrücken schnell verloren. Reisende bin ich auf jeden Fall, auch wenn ich zu Hause weile. Bereise gerne andere Welten. Zum Beispiel die von Fokje und den Ihren, eine große, aktive, kreative Patchwork-Familie. Zu ihr und ihrem verstorbenen Mann gehören sechs Kinder. Er sei ein Multitalent gewesen, sagt sie, habe unter anderem gesponnen und gewebt. Im Wohnzimmer dieses 90er-Jahre-Bungalows hängen große Gemälde von Kindern und Schwiegerkindern, die sich teilweise gegenseitig porträtiert haben.

In dir selbst Nachhausekommen, lautet ein Hinweis an Fokjes Pinnwand. Zwischendurch halte ich mich an die Parole, und lerne gerne von Fokje. Sie ist eine Künstlerin darin, sowohl Anteil zu nehmen und sich anderen zuzuwenden, als auch für sich zu sorgen und sich zu schützen. Ihr Garten verwildert kunstvoll, aber nicht vollständig, sie pflegt wie Robin Wall Kimmerer (Autorin von Braiding Sweetgrass) die ehrwürdige Ernte. Und lässt auch die freiere Wildbahn nie außer acht.

Diese Bilder handeln von der an fliegenden und schwimmenden Tieren so reichen Ungebung.

Auf der Toilette sitzend, kann sich eine mit der Schlüsselrolle der Ausscheidungen befassen (niederländisch poep).

Radle ins Ortszentrum, hole am Fischstand auf dem Dorfplatz, der ansonsten vom obligatorischen Supermarkt dominiert wird, haring und kabeljauw. Die Herkunft der ins Deutsche als Kabeljau transferierten Bezeichnung für Gadus morhua ist umstritten, nicht aber seine Gefährdung. Wenn die Menschheit so weiter macht mit Überfischung und Nichteinhaltung von Klimazielen, ist der Bestand dieser Art gefährdet, weshalb der Kabeljau alias Dorsch in diesem Jahr zum zweiten Mal als Fisch des Jahres benannt wurde.


Und möchte nun beim Thema Hering anbeißen. Ende des Mittelalters entwickelten die Niederländer seetüchtige Fangschiffe, buis (deutsch Büsen), damit änderte sich einiges.

Niederländische Heringsbuis, die ihr Netz einholt, 1789, J. van den Brink; unten: Buisen auf Vermeers Ansicht von Delft

Die robusten Schiffe ermöglichten den küstenfernen Fang auf der Nordsee. Die erste von üblicherweise drei jährlichen Fangreisen erfolgte im Mai. Der Hering wurde an Bord geschlachtet, gesalzen und in Fässer verpackt.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die eher plumpen Buisen – das Wichtigste bei ihrer Konstruktion waren ja der große Frachtraum und das große Deck zum Pökeln gewesen – von den schnelleren Loggern abgelöst, das veränderte wieder einiges in der niederländischen Heringsfischerei. Dank der Geschwindigkeit der Logger konnten nun bis zu fünf Fangreisen erfolgen.

Ankunft des Hollandse Nieuwe im Mai 1956

Im Frühjahr wurden die besonders milden, vor Erreichen der Geschlechtsreife verarbeiteten und im traditionellen Verfahren durch fischeigene Fermente (Enzyme) gereiften Heringe – dieser ursprüngliche Herstellungsprozess für Hollandse Nieuwe (deutsch Matjes) wurde bereits im Mittelalter entwickelt – den Fischer*innen quasi aus den Fässern gerissen.

Ankunft des Hollandse Nieuwe im Mai 1951

Abends war ich – mit Matjes und Katze – allein in Fokjes Haus. Sie war zu ihrem Sohn nach Heerenveen gefahren und ich hatte die Aufgabe, mit Nuka, dem Kater, zu sprechen. Das tat ich, immer dann, wenn er den Eindruck machte, er wolle etwas von mir hören, jenseits der Sprachbarrieren.

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